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Alles frisch nach Feierabend – Der Moltkemarkt in Bochum

Revier-Märkte. Mit der Wiederbelebung des traditionsreichen Moltke Marktes am Springerplatz hat Bochum seinen ersten Feierabendmarkt auf den Weg gebracht an jedem Freitag von 16 bis 20 Uhr. Ein modernes  Konzept, das funktioniert.

Mit flinken Fingern viertelt Dieter Schlotz eine Rote Sternrenette und reicht den ersten Schnitz einer Dame auf der anderen Seite des Holztisches. Sie beißt in das Apfelstück, kaut und lächelt. „Können Sie mir ein Kilo mischen?“ Der Apfelhändler nickt und beginnt, gelbe und rötliche kleine Äpfel aus verschiedenen Kisten in eine große Tüte zu packen. Grafensteiner aus Dänemark, Goldparmäne aus England und die Rote Sternrenette – alles uralte Apfelsorten, die Schlotz im heimischen Garten anbaut. „Mein Hobby“, erklärt er und wiegt die Tüte ab. 

Auf dem Bochumer Moltke Markt findet er nicht nur für seine seltenen Apfelsorten, sondern auch für den frisch gepressten Saft dankbare Abnehmer. Ein Becher Apfelsaft geht eben immer, selbst in den späten Abendstunden. Finden auch Barbara Heinzer aus Bochum-Stiepel und Gisela Bein aus Querenburg. Moment mal – abends? Tatsächlich ist das Konzept des Moltke Marktes im Ortsteil Stahlhausen ein ungewöhnliches: Die Händler sind dort von 16 bis 20 Uhr anzutreffen und bieten damit auch Berufstätigen die Möglichkeit, marktfrische Lebensmittel einzukaufen. 

Die Idee zu diesem Experiment hatten drei Bochumer Unternehmer: Herwig Niggemann vom Niggemann Food Frischemarkt, Fred Schmidt von Bäcker Schmidtmeier und Thorsten Strozik von Gregor und Strozik Visual Identity Bochum. Der Anlass: Die Stadt Bochum hatte den Wochenmarkt am Springerplatz vor einiger Zeit vom angestammten Freitagvormittag auf den Donnerstag verlegt – als Rettungsversuch sozusagen.

Die Anwohner jedoch nahmen den neuen Termin nicht an; der traditionelle Markt, der einst zu den wichtigsten in Bochum gehörte, drohte zu sterben. So organisierten Niggemann und seine beiden Mitstreiter mit viel persönlichem Engagement den Relaunch in Form eines Feierabendmarktes – und zwar wieder freitags und unter alter, neuer Bezeichnung: Moltke Markt.

„Schon 1875 trug der Markt diesen Namen“, sagt Niggemann. Bis zum Krieg hatte der Platz eine zentrale Bedeutung für die Menschen, doch erst allmählich wird er heute wieder so verstanden: Umfangreiche Umbauarbeiten rund um den Bunker am Springerplatz gehen dem Ende entgegen, der Platz selbst muss in Teilbereichen noch baulich fertig gestellt werden, etwa rund um den Pferdebrunnen im hinteren Bereich. Mit dem wiederbelebten Markt wollen die Initiatoren an die Geschichte Bochums anknüpfen und zugleich einen geselligen Feierabendtreff für die Menschen etablieren.

Der Startschuss fiel Ende September zunächst mit 15 ausgesuchten Händlern. „Die ersten Markttage waren überwältigend“, sagt Niggemann. „Mit so einem riesigen Andrang haben wir nicht gerechnet.“ Unter den Besuchern seien sowohl Anwohner aus der unmittelbaren Nachbarschaft als auch viele Bochumer aus anderen Stadtteilen gewesen, die nicht nur gekauft, sondern auch viel genascht hätten. Denn auch das ist einzigartig auf dem Moltke Markt: Fast alle Händler bieten ihren Kunden kleine Snacks zum Probieren an – von der Pflaumen-Holunder-Marmelade über katalanisches Olivenöl bis hin zu frisch geschnittenem, italienischen San Daniele Schinken. Und wer möchte, kann mit einem Tellerchen italienischer Antipasti oder libanesischer Vorspeisen auf einer der rot gepolsterten Holzbänke unter großen, weißen Schirmen im hinteren Teil des Marktes Platz nehmen und unter Lichterketten die familiäre Atmosphäre genießen. „Wir haben bewusst keine Gastronomen hier, aber trotzdem können die Menschen überall eine Kleinigkeit essen und trinken“, sagt Niggemann. So sei ein moderner Markt mit Erlebnischarakter entstanden – aus seiner Sicht ein mögliches Modell für den Markt der Zukunft.

20 Händler machen bislang den Anfang

Gar nicht so leicht sei es gewesen, die richtige Händlerstruktur für einen Markt von 16 bis 20 Uhr zu finden. „Gerade personell ist das für viele eine große Herausforderung“, weiß Niggemann. „Man kann ja nicht von morgens fünf Uhr bis abends um Elf in einer Schicht arbeiten.“ Viele Händler hätten daher zwar Interesse bekundet, bekämen es aber schlicht (noch) nicht organisiert. „ Aber wir sind zuversichtlich, dass wir in Kürze die Lücken schließen können.“ Zusagen lägen bereits vor für einen Käsestand und einen großen Bio-Anbieter für Obst und Gemüse.

Auf rund 20 Händler ist der Moltke Markt bereits gewachsen. Neu dabei ist jetzt endlich der von den Anwohnern gewünschte Fischverkäufer, der Backfisch, Matjes und Austern anbietet. Ein Schwerpunkt liegt zudem auf einem attraktiven Fleischangebot – neben Dirk Kamperhoff, einer der wichtigsten Bochumer Adressen für Kalbfleisch und selbst gefertigte Schinken und Fleischwürste, sind auf dem Springerplatz auch die Spezialisten Simon Schräder und Philipp Burkert vertreten, die mit ihren edlen Fleischwaren auch auf dem Dom-Markt in Münster stehen. Black Angus Filet, Wagyua oder Pata Negra sind in ihrer Auslage zu finden, die ihnen anfangs oft leer gekauft wurde: Mit so viel Resonanz hatten die beiden Verkäufer in Bochum einfach nicht gerechnet.

Großer Andrang auch vor dem Feinkoststand von Stefan Bramers: Oliven und Antipasti gehen hier buchstäblich weg wie die berühmten warmen Semmeln, schräg gegenüber schneidet Massimo Battiston, der aus der Region Veneto stammt, im Akkord hauchdünne Scheiben seines San Daniele Schinkens ab, um sie neugierigen Kunden zum Probieren über die Theke zu reichen. Zwei Bäcker versorgen die Marktkundschaft am späten Freitagnachmittag mit frischen Brötchen und duftendem Streuselkuchen, zwei Blumenhändler – der Bochumer Sträußchen-Spezialist Gerrit Plaesier sowie Mehmet Canan mit seinem Sortiment frischer Schnittblumen – binden vor Ort schöne Gestecke für das Wochenende.

Natürlich darf auf dem Moltke Markt der klassische Obst- und Gemüsestand nicht fehlen – Familie Ekin etwa hat alle Hände voll zu tun, die Besucher mit Kopfsalat und glänzenden Auberginen zu versorgen und gleichzeitig an einem kleinen Beistelltisch libanesische Häppchen auf Styroportellern anzubieten.

Zu den alteingesessenen Händlern am Springerplatz gehört Jürgen Sieg: Kartoffeln und Eier verkauft er hier schon seit 1969. Sein Sortiment hat er inzwischen den besonderen Bedürfnissen seiner Kunden angepasst: Wer etwa für ein Kochevent mit Freunden ganz spezielle Kartoffelsorten sucht, wird hier garantiert fündig. Feinschmecker sollten außerdem bei Claudia Bigos und Peter Schulze am hinteren Ende des Marktes vorbeischauen. Die Betreiber des im Bunker beheimateten Café Treibsand rücken jeden Freitag mit einem altmodischen Herd an, auf dem sie Minz- und Ingwertee kochen – ein warmes Getränk nehmen die Marktbesucher gerade in der kälteren Jahreszeit gerne an. Dazu gibt es hausgemachtes Tapenado (eine Olivenpaste) und Hummus (Kichererbsenpüree) auf Brot sowie ein Gläschen Wein. „Außerdem bieten wir hier unsere hausgemachten Fruchtaufstriche an, die manche Leute vom Frühstück in unserem Café kennen“, sagt Bigos und hält ein Einmachglas mit buntem Stoffdeckel hoch: Papaya-Orange-Rhabarber.

Bei Katrin Manzke heißt der Dauerbrenner heute „Feine Pflaume mit Holundersaft“, aber auch Marmelade mit Marsala findet immer mehr Fans. Die Feinkosthändlerin, die den Holunder selbst pflückt und neben Marmelade auch Pesto, Chili und Ketchup selbst zubereitet, lässt ihre Kunden gerne mit einem kleinen Löffelchen kosten. Standnachbarin Anja Michels träufelt währenddessen natives Olivenöl aus Spanien auf kleine Brotstücke und freut sich, wenn Kunden begeistert nach der Marke fragen.

Unter den Händlern auf dem Moltke Markt habe sich schnell eine gute Gemeinschaft gebildet, sagt Niggemann, was sonst auf Wochenmärkten nicht selbstverständlich sei. Hier geht das Konzept auf: „Die Händler fühlen sich wohl.“

Im Frühjahr, wenn sich alles eingespielt hat und die letzten Baustellen auf dem Springerplatz verschwunden sind, soll es ein großes Marktfest mit Kunden und Anwohnern geben. Dann könnte der Markt auch auf den Dienstag ausgeweitet werden, so die Pläne der Organisatoren, deren Konzept bereits über Bochum hinaus Wellen schlägt: „Einige Nachbarstädte sind wirklich neidisch und planen bereits eigene Feierabendmärkte“, hat Niggemann gehört. „Das freut uns sehr. Und das ist auch unser Ziel: Mit dem neuen Markt der Stadt ein Stück mehr Spaß, Genuss und Lebensqualität zu geben.“

INFO

Moltke Markt am Springerplatz Bochum
Freitags 16 bis 20 Uhr
www.moltkemarkt.de