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Auflauf der Feinschmecker – Der Rüttenscheider Markt

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Revier-Märkte. Der Rüttenscheider Markt: Essens wöchentliche Gourmetmeile

Samstag, fünf nach ein Uhr, mitten in Essen-Rüttenscheid ist es Zeit für Bandwurmworte: „Tütechampignonseineurobananeneineurojohannisbeerenjetzteineuro“. 55 Minuten noch, dann schließt der Wochenmarkt in Rüttenscheid. Direkt am Rüttenscheider Stern gelegen versammelt sich hier mittwochs und samstags der ganze Stadtteil. Zum Einkaufen natürlich, aber auch zu einem Kaffee für zwischendurch im Café „Aroma“ oder zum Wochenrückblick. Wie geht’s den Kindern? Was macht das Geschäft? Wie ist die neue Wohnung? Auf den Wegen zwischen den über 80 Ständen werden mit Blick auf „Brie de Meaux“, frische Seesalzbutter, neue Kartoffeln, herrliche Rosen, die Marmeladenauswahl der „Früchtefee“ und dem „Saft des Tages“ die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht und Verabredungen fürs Wochenende getroffen. Mittendrin statt nur dabei. Wer früh kommt, erwischt feinste Qualität. Wer später reinschaut, macht das ein oder andere Schnäppchen. Zeit für Bandwurmworte eben. Und für Diskussionen. Zum Beispiel über Tomaten. Und etwas andere Preise. Denn auch, wenn es die Kurz-vor-Schluss-ein-Euro-Angebote vermuten lassen: Der Rüttenscheider Wochenmarkt gilt als echte Gourmet-Zone. Auflauf der Feinschmecker.

„Gerade war ein Kunde hier und sagt einfach nur: ‚Sie hatten da mal Tomaten, das Kilo für neun Euro‘. Und man fragt sich kurz: ,Was will der Mann jetzt? War ihm das zu teuer?‘“, berichtet Markthändler Hendrik von der Stein. Und was will er, der Mann? Dasselbe noch mal. Weil die Tomaten tatsächlich noch nach Tomaten geschmeckt hätten. Zugegeben, bei neun Euro das Kilo kann einem schon kurz die Luft wegbleiben. 

Doch ein Geschmackstest überzeugt restlos von der „Jouno“. Süß, fruchtig, einfach lecker. Angebaut in einem Vier-Generationen-Betrieb in der Bretagne – und am Stand der „Gebrüder von der Stein“ ein echter Geheimtipp. „Ende September, Anfang Oktober ist hierzulande die Tomatenzeit vorbei; was dann im Supermarkt landet, stammt meist von den Kanaren“, berichtet von der Stein und meint: Hier leidet der Geschmack zugunsten der transportfreundlichen Festigkeit. Und mehr noch: „Bei uns ist es im Magen dunkel; viel zu oft zählt nur der Preis. Hauptsache billig, wie es schmeckt, ist Nebensache.“ Verkehrte Welt – ganz sicher im Fall der „Juono“. „Diese Cocktail-Tomate ist ganzjährig von gleich bleibend hoher Qualität und geht runter wie eine Praline. Das ist es echt wert“, sinniert der Experte.

1979 machten sich die Brüder Klaus und Werner von der Stein erstmals auf zum Großmarkt nach Rungis vor den Toren von Paris. Ihr Ziel: der Einkauf französischer Spezialitäten für eine ausgesuchte Kundschaft. Heute sind die „Gebrüder von der Stein“ ein spezialisierter Großhandel mit festen Geschäftsbeziehungen nach Frankreich – und auf dem Markt in Rüttenscheid erste Anlaufstelle für Gourmets, die auf der Suche nach frischen Kräutern sind, exotischen Früchten und eben französischen Spezialitäten vom Käse bis hin zur Kartoffel. Hendrik von der Stein übernahm vor drei Jahren das Ruder und empfiehlt neben seinem Basilikum aus der Provence aktuell die Charentais-Melonen und die Artischocken aus der Bretagne – lose, im Bund oder groß gewachsen. „So viel Auswahl ist selten.“

Für derlei Vielfalt gleichwohl ist er bekannt, der Rüttenscheider Markt. Hier ist vieles, aber nicht alles mediterrane Spezialität, stammen Obst und Gemüse auch vom Bauern um die Ecke, gerne auch in Bio-Qualität, ergänzen sich Wild-Feinkost und heimisches Geflügel mit fangfrischem Fisch, legefrischen Eiern und hochfeinen Käsesorten. Hier trinkt man frischen Kaffee in einer Ecknische und gönnt sich einen hausgemachten Eintopf direkt am Marktbrunnen. Die perfekte Mischung, die allenfalls ansatzweise getrübt wird: „Auf einen Wochenmarkt gehören frische Lebensmittel, frische Blumen und vielleicht noch ein paar Kurzwaren. Oberbekleidung und Trödel haben hier eigentlich nichts verloren“, meint von der Stein, spricht’s – und empfiehlt gleich noch einen Kollegen: „Sie sollten unbedingt mal bei Welp vorbeischauen, gleich da hinten, die gelbe Plane.“

Da hinten unter der gelben Plane vereinen sich italienische Dolci (links) und sizilianische Brotspezialitäten (rechts) mit italienischen Edel-Käsesorten – „man braucht halt `was für die Mitte“, schmunzelt Hermann Welp, Bäckermeister aus Familientradition. 1911 gründete Namensvetter Hermann Welp die Bäckerei in Essen; 1990 übernahm der Enkel, von Anfang an auch in Bio – und seit einem „Arbeitsurlaub im sizilianischen Marina di Ragusa 2004 mit dem italienischen Warenzweig „Welpino“.

Von dem, was Welp damals in Sizilien lernte, profitieren heute seine Kunden aus Rüttenscheid. Von knusprigen und delikat-gewürzten Broten, herrlichen Brioche („ganz unitalienisch ohne Füllung, denn hier genießt man sie am liebsten mit Marmelade“) und natürlich von seinen Süßgebäcken, allen voran Mandelkuchen und Pasta di Mandorla, Plätzchen aus Mandeln der Region Avola. Zwischen zwölf, teils eigens kreierten Variationen haben die Kunden die Qual der Wahl – von Schoko-Chili-Füllung über Pistazien bis Berberitzen. Bio-Dolci, laut Welp „die einzigen weltweit“, jedoch gibt es nur im hauseigenen Geschäft im Isenbergviertel. Für den Markt, sagt der Bäcker, wären die dann „schon etwas zu teuer“, schlägt doch eine kleine Auswahl normale Dolci bereits mit gut sechs, sieben Euro zu Buche. „Doch meine Waren sind gefragt; so ist Rüttenscheid eben.“ 

INFO

Rüttenscheider Markt
Rüttenscheider Platz 
45130 Essen
Mittwochs 8 bis 13 Uhr; samstags 8 bis 14 Uhr
www.wochenmaerkte-essen.de