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Das Bauwagenhotel an der Ruhr – Eine Camping-Reportage

Zeit für Ruhrmantik. Oder: Warum man in Kray übereinander und in Horst nebeneinander schläft.

Eine Nacht in freier Natur, welch wunderbare Vorstellung. Wenn nachts die Grillen zirpen und das Wasser der Ruhr sanft gegen die Ufersteine schwappt, dreht man sich auf der bequemen Matratze im extrabreiten Bett noch einmal um und betrachtet den Mond, der durch das Fenster scheint, und freut sich schon darauf, am Morgen den Kessel auf den Herd zu stellen und danach mit einer Tasse Tee entspannt ins Freie zu treten.

Klingt nach Camping de luxe? Ist es auch. Allerdings braucht man bei Ruhrcamping in Essen-Horst  keinen eigenen Wohnwagen, ja noch nicht einmal ein Zelt, sondern nur Lust auf eine oder mehrere Nächte im Bauwagen-Hotel – und ein wenig Glück bei der Reservierung. Die acht schick ausgebauten Domizile mit den liebevoll bepflanzten Blumenkästen unter den Fenstern sind nach Essener Stadtteilen benannt, heißen also etwa Steele, Horst oder Rüttenscheid und sind bei Touristen ebenso wie bei Gästen aus der Region der Dauerbrenner auf Simone Bauers kleinem Campingplatz an der Ruhr.

Rückblick: 1937 stand auf dem Grundstück In der Lake nur ein einzelnes Bootshaus, und auf einem Teil der Wiesenfläche und dem angrenzenden Gelände befand sich das damalige Horster Strandbad. Camper durften hier erst in den 40er-Jahren ihre Zelte aufschlagen, später dann auch mit Wohnwagen anreisen. Nachdem das Strandbad 1973 endgültig seine Tore geschlossen hatte, vergrößerte sich der Campingplatz und wurde lange Zeit ausschließlich von Dauercampern belegt, die ihre Wohnwagen auf kleinen Steinterrassen parkten. Nur weil es geht, muss man einen Wohnwagen schließlich nicht immer bewegen.

Man schrieb das Jahr 2006, als Simone Bauer eher zufällig auf ein Inserat im Internet stieß, in dem der Campingplatz in Horst zum Verkauf angeboten wurde. „Wir haben das Grundstück erworben, ohne groß nachzudenken, weil wir es so schön fanden“, erinnert sich die Essenerin. Von jetzt auf gleich also war Bauer stolze Besitzerin eines idyllischen Areals, an dessen Ufer das Ruhrwasser schwappt und in dessen Gräsern die Grillen zirpen, und zugleich „Hausherrin“ eines Campingplatzes samt Bootshaus und einer Handvoll Dauercamper, die natürlich bleiben wollten – was sie auch durften. Einige sogar bis heute.

Touristen im kleinen Paradies

Doch die neue Eigentümerin wollte letztlich mehr aus ihrem kleinen Paradies machen; es stärker für Touristen öffnen. Zum Campen im mitgebrachten Zelt oder gleich mit Wohnwagen kamen regelmäßig Leute, doch auch die Nutzer des Ruhrtalradweges am gegenüberliegenden Ufer fragten vermehrt nach festen Übernachtungsmöglichkeiten – die es nicht gab. Die Idee gleichwohl fand Simone Bauer gar nicht schlecht: eine Zimmervermietung am Ruhrtalradweg, warum nicht?

Irgendwelche Zimmer allerdings kamen nicht infrage. Individuell sollten sie sein. Bequemer als ein Zelt. Geräumiger als ein Wohnwagen. Und unkomplizierter als ein Hotel. Dazu noch möglichst leicht wegzuschieben, falls die Ruhr mal wieder – wie häufig im Winter – über die Ufer trat. So stellte Simone Bauer sich das vor. „Also mussten Bauwagen her.“

Mit Kray fing alles an. Kray, das ist der knallgelbe Bauwagen ganz links außen in der Reihe, dem man seine bewegte Vergangenheit als Materiallager einer Baufirma und als Futterlager eines Tierheims schon lange nicht mehr ansieht: ein violett bezogenes Etagenbett, eine Küchenzeile an der einen, ein Tisch mit zwei Stühlen an der anderen Wand und hinter einer Ecktür ein Mini-WC, in blauem Mosaik gefliest. „In 300 Arbeitsstunden hat mein Mann das Dach abgedichtet, den Boden erneuert und die Wände komplett isoliert“, erzählt Bauer.

Nur eine Woche nachdem sie im Januar 2008 die neue Übernachtungsmöglichkeit auf ihrer Homepage angekündigt hatte, erfolgte die erste Buchung, und im März checkte der erste Gast in Kray ein. Er kam aus Dänemark, verbrachte eine ganze Woche in dem gelben Bauwagen und war begeistert, erinnert sich die Camping-Chefin.

Schnell war klar, dass Kray nicht lange alleine bleiben würde. Bauer forschte im Internet und fand Horst – in Velbert.  Seinen dunkelgrünen Anstrich durfte der Bauwagen behalten, doch auch in ihm stecken rund 300 Stunden Aufmöbel-Arbeit, „schließlich möchte man einen gewissen Komfort haben, ein eigenes WC ist schön, und man will vernünftig schlafen.“ Seit Mai 2008 leistet Horst dem Nachbarn Kray Gesellschaft und wird besonders gerne von Paaren gemietet, weil die untere Matratze des Etagenbettes mit 1,40 Metern breit genug ist, um zu zweit nebeneinander zu schlafen – im Minihotel schon beinahe Luxus, wenn man bedenkt, dass man in Kray übereinander schlafen muss. In Horst dagegen bleibt das schmale obere Bett meist leer. Es sei denn, man wohnt zu dritt im Bauwagen.

Steele war beim Trecker-Treffen, Rüttenscheid bei der Jagd und Eiberg im Kino

Zwei Wagen also; doch damit war für die Bauers lang noch nicht Schluss, immerhin rannten ihnen die Bauwagen-Enthusiasten sprichwörtlich die Bude ein. Ein Glück, dass sich vor der Hauptsaison 2008 schnell noch ein bereits fertig eingerichteter Wagen aus Nordhorn organisieren ließ, den seine Vorbesitzer überwiegend als Quartier bei Trecker-Treffen genutzt hatten. Kaum an die Ruhr geschafft und in Steele umbenannt, hatte der dunkelblaue Wagen mit vier Schlafplätzen und einer geräumigen Sitzecke auch schon seine ersten Übernachtungsgäste und war damit in die Hotelwagen-Familie aufgenommen.  Aller guten Dinge sind eben drei.

Mittlerweile sind es ganze acht geworden, und die Buchungen trudeln bisweilen im Minutentakt ein. „Zu Rüttenscheid kamen wir ganz unverhofft, nachdem ein Fernsehbericht über uns ausgestrahlt wurde.“ Eine Familie aus Essen-Rüttenscheid bot Bauer den geliebten Bauwagen an, der im Westerwald jahrelang gute Dienste als Jagdhütte geleistet hatte. Knallrot, mit zwei voneinander getrennten Räumen und einer kleinen Küche, bietet Rüttenscheid aufgrund seiner Größe richtig Platz, um sich auszubreiten – was, sagt Bauer, Besucher bei etwas längeren Aufenthalten besonders schätzten.

Wer jedoch die Luxus-Suite im Bauwagenhotel sucht, ist im weiß getünchten Bredeney XL am besten aufgehoben: Auf 16 Quadratmetern Wohnfläche haben gut und gerne vier Personen Platz, und man wohnt für Camping-Verhältnisse nicht nur komfortabel, sondern auch richtig schick. Die Wände sind in edlem Dunkelviolett tapeziert, und das Quartier verfügt über eine bequeme Sitzecke, eine Kochzeile, ein Etagenbett sowie einen zweiten, geschlossenen Schlafbereich, in dem ein zwei mal zwei Meter großes Bett steht. „Diesen Wagen mieten oft Gäste, die hier ihren Hochzeitstag oder ihren 60. Geburtstag  feiern wollen.“ Hauptzielgruppe für ruhrmantische Übernachtungen im Bauwagen seien in der Regel allerdings Menschen Mitte 40, „die einfach mal ausspannen wollen“.

Etwas jüngere Paare kämen häufig bewusst ohne ihre Kinder, um ein verlängertes Wochenende ganz ohne Trubel in der Natur zu genießen. „Die Menschen wollen Zeit miteinander verbringen, in Ruhe ein Buch lesen, einfach entschleunigen, ganz ohne Fernsehen und WLAN. Und schauen Sie sich mal um – wo kann man denn bei gutem Wetter schöner frühstücken als hier?“

Die Idylle ist in der Tat kaum zu übertreffen: grüne Wiese ohne Ende direkt vor der Bauwagenreihe, Gartenstühle für jeden, die Ruhr vor dem Eingangstreppchen und ein  Schwenkgrill zum Greifen nahe. Der wandert übrigens von Gast zu Gast, je nachdem, wer ihn gerade braucht. Und wenn die Kohlen noch heiß sind, darf auch der Nachbar noch schnell seine Würstchen mit drauflegen – die Stimmung sei, gerade unter Leuten, die sich nicht kennen, angenehm und freundlich, resümiert Bauer. „Abends sitzen dann alle vor ihren Bauwagen, nur mit einer Kerze, und manchmal kommen sie miteinander ins Gespräch.“

Verliebten Pärchen, deren Vorstellungen eines romantischen Abends ein wenig anders gelagert sein dürften, empfiehlt die Ruhrcamping-Chefin den gemütlichsten Bauwagen im ganzen Ensemble: Überruhr steht etwas abseits in einem eigenen Gärtchen und wenn man aus dem Wagen ins Freie tritt, platscht man fast mit den Füßen in die Ruhr. Naja, fast: „Man kann nachts die Tür offen lassen und auf das Wasser schauen.“

Ähnlich kuschelig, jedoch etwas weiter vom Ufer entfernt, parkt dann noch das kleinste Minihotel am Platze. „Eiberg hat leider als einziger unserer Wagen kein eigenes WC und keine Kochgelegenheit. Er ist also eher eine Alternative zum Zelt.“ Campingkocher stellt Familie Bauer jedoch gern zur Verfügung; Duschen und Toiletten gibt es im Bootshaus. Und wenn man ganz genau hinschaut, dann entpuppt sich auch der kleine Eiberg als wahres Überraschungsei: Immerhin gehörte der Wagen einst einem Filmliebhaber, der sich das Innere zum Privatkino ausgebaut hatte. Was für den Camper von heute bedeutet, dass man nach einer kuscheligen Nacht im 1,60 Meter breiten Bett auf zwei lilafarbenen Kinosesseln am Fenster sitzen und von diesem Logenplatz  aus entspannt auf die Ruhr schauen kann. Und da kommen dann nicht nur Enten vorbei geschwommen, sondern auch Kanufahrer angepaddelt, die am Steg unterhalb des Campingplatzes anlegen und manchmal spontan nach einem „Zimmerchen“ fragen.

Preise durchaus auf Hotelniveau

Zurückblickend findet Simone Bauer es übrigens immer noch „unglaublich“, was aus der ganzen Sache geworden ist. „Wir haben uns ja nicht hingesetzt und ein Bauwagenhotel geplant. Sondern einfach ausprobiert, was funktioniert.“ Ihr Fazit:  „Es macht richtig Spaß, wenn man sich darauf einlässt. Denn jeder Mensch, der in einem unserer Bauwagen übernachtet, bringt seine eigene Geschichte mit, und das macht das Ganze hier aus.“

 

INFO

Ruhrcamping
In der Lake 76
45279 Essen
Telefon 0178 / 15 63 910
info@ruhrcamping.de
www.ruhrcamping.de