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Die Erfrischungsweiche - Erzbahnbude Müllers Radstation

Dass das Radfahren im Revier inzwischen zum aktiven Genuss geworden ist, hat sich offenbar bereits republikweit herumgesprochen. Neulich, bei Freunden in Hamburg: „Wir sind tagelang nur durchs Grüne geradelt. Auf umgebauten Bahnstrecken. Und mitten im Dschungel steht plötzlich dieser Kiosk. Wie vom Himmel gefallen. Bier, Kaffee, Kuchen, Frikadellen. Alles gab‘s. Eine Wohltat!“

Tatsächlich scheint diese Erfrischungsweiche an der T-Kreuzung zweier Radwege in aller Munde. Die Erzbahnbude, für manche auch Müllers, wird von der Radler-Szene gar in einem Atemzug mit bedeutungsvollen „Haltestellen“ wie der Welterbe-Zeche Zollverein in Essen, der Halde mit der Himmelstreppe in Gelsenkirchen oder der Jahrhunderthalle in Bochum genannt. Dabei geht der Ausschank von Holger Müller an der Schnittstelle von Erzbahntrasse und Emscherradweg erst ins dritte Jahr. Und doch ist die Zeit zwischen November und Ostern, wenn da nur ein verrammelter Container steht, bereits eine triste Saison, die passionierten Bahntrassenradlern wie ein Plattfuß sauer aufstößt. Wenn Müller wieder aufmacht, wird das hingegen wie die Rückkehr des attraktivsten Zugvogels im Revierraddschungel gefeiert. 

Schon die Anfahrt aus Richtung Bochum verschafft Hochgefühle. Zuerst beim Rollen über das Brückenopus Erzbahnschwinge, die in 90 Meter Höhe ein kaputtes Kaleidoskop aus Straße, Industriebahn-mit-Brücke und Schrebergärten überfliegt. Sechs Kilometer später und 30 Höhenmeter tiefer rollt man durch grün wucherndes Buschland, das nach einer Kurve zum Tunnel wird. An dessen Ende rücken Blumenampeln an einem Radwegweiser und ein komischer eiförmiger Minibunker ins Visier. 

Und dann diese Lichtung! „Nirgendwo sonst im Radwegenetz hätte ich meine Bude etablieren können“, konstatiert Holger. An Tagen wie diesen dösen Sonnenanbeter in Segeltuch-Liegestühlen auf der Wiese am Ex-Zweimannbunker für Gleiswärter. Mit Flaschenbier oder Eis in der Hand. Wochenend-Feeling wie in einem englischen Garten. Stimmengebrummel ist unterlegt mit dem Surren von Fahrradreifen auf dem 2012 verlegten Asphalt. Der Verkehr von Zweirädern unterschiedlichster Bauart wirkt wie ein Perpetuum mobile. Rundum parken vier, fünf Dutzend Räder. Und Holger kocht Kaffee, serviert Apfelkuchen und Erdbeer-Rhabarber-Muffins, grillt Frikadellen.

Bierflaschen ploppen. Holger verkauft nur die mit dem Bügelverschluss, „wegen der Insekten“. An einer bestimmten Brauerei hängt er deshalb nicht, auch nicht am Radfahrerclub ADFC. Clubmitglieder kommen aber gern vorbei. Wie Kai Szurowski, der gerade 300 Wochenendkilometer abgesessen hat, sich aber wegen eines Absackers an der Erzbahnbude einen letzten Umweg gönnt.

Ach ja, wir sind in Gelsenkirchen angekommen. Höhe Ostpreußenstraße. Nicht dass man von der Straße etwas sieht. Oder Stadtgrenzen. Die Erzbahnbude ist aber sichtbar verortet auf der neuesten Radkarte „Mittleres Ruhrgebiet“  des Regionalverbandes Ruhr (hält Holger vor), mit Symbolen für Getränke und Reparatur. „Bei mir bekommen die Leute auch Flickzeug oder einen neuen Schlauch. Und am Wochenende ist jemand für kleinere Reparaturen da“, zählt Holger die vielfältige Hardware der Erzbahnbude auf. „Ich bin ja auch nur durch einen Platten an Ort und Stelle auf die Idee gekommen.“

Holger Müller stammt aus Cuxhaven, hat in Hamburg BWL studiert und dort zwölf Jahre als Fahrradkurier gearbeitet. Der Job bei einem Startup-Unternehmen führte ihn 2001 in Ruhrgebiet. „Vom Bochumer Bahnhof wurde ich abgeholt und durch Stahlhausen gefahren.“ Die Kulisse des Stahlwerkgeländes war ein Schock. „Ich dachte damals, das wäre eine Kulisse für einen Film wie ,Manta, Manta!‘“ Auch das neue Zuhause an der Wattenscheider Zeche Holland erschien zunächst unwirklich. „Aber da habe ich mich aufs Rad gesetzt und habe den Umbau von Industriebahntrassen erlebt.“ 

Dann kam der Platten im Nirgendwo und mit ihm diese Idee. Mit Freunden plante er die Sache und ließ sich auf ein dreieinhalbjähriges Ringen mit Ämtern und Behörden ein. Frustrationen über Bürokratisches wurden aber letztlich aufgewogen durch den hilfsbereiten Menschenschlag im Revier. Holger bekam das Placet und durfte einen mobilen Marktstand aufstellen. „Ich bin auch ein Teil des Strukturwandels geworden. Früher wurde hier geschafft und die Bahnstrecken zur Arbeit genutzt. Heute kommen bei mir viele Berufspendler auf dem Rad vorbei.“

Damit längst nicht genug. „Die Radler tragen die Sache immer ein Stück weiter“, fährt Holger fort. Ein radelnder Bauunternehmer goss ihm einen großen Betontisch vor die Bude, ein radelnder Dachdecker sorgte für ein stabiles Wagendach. Nichtradelnde Randalierer hatten das alte eingetreten. Deshalb sind die Rentner, die schon im Morgengrauen an der Erzbahnbude vorbeifahren, Holgers privater Sicherheitsdienst. Mit „Holger, dein Bude steht noch“, wurde er schon häufiger um halb sieben telefonisch geweckt. „Man hilft sich hier, im Revier“, grinst Holger und erzählt noch den Schwank vom geklauten 300-Meter-Kupferkabel zum nächsten Stromkasten. „Ich bin dann zum Schrotthändler und habe ihm erklärt, dass er von solchem Diebesgut profitiere.“ Der Schrotti sah das ein und gab Holger einen Minibagger, damit er sein Kabel tief genug in die Erde legen konnte. 

Die Erzbahnbude ist ein Magnet. Für Junge und Ältere, Eingangrad- und Liegeradenthusiasten sowie Klappradfahrer. Gemeinsam teilen sie die Liebe zum Zweirad. Dass manche ihr Auto abgeschafft haben, erfährt man am Stammtisch. Holger weiß sogar von jungen Leuten, denen der Führerschein nicht mehr wichtig ist. Der Strukturwandel im Revier geht also viel tiefer und scheint unmerklich ein Selbstläufer zu werden.

Zu Zeiten wie diesen ist die Erzbahnbude an der Ex-Gleisstrecke für manches sogar eine Weiche. Nur für Holger ist das alles keine Selbstverständlichkeit: „Jeder Tag ist für mich komplett neu. Kommt ganz auf die Witterung an. Ohne Wetter kein Umsatz.“ Aber wehe, es ist Wetter. Dann brummt die Plaza an der Erzbahn-Pfeilerbrücke derart, dass man sich sogar republikweit davon erzählt. 

 

INFO

Erzbahnbude
Müllers Radstation auf der Erzbahntrasse
Bergstraße 48
44791 Bochum
von März bis November täglich ab 11 Uhr (außer bei Dauerregen)
Telefon 0177 / 89 97 444