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Du machs mich mein Herz am Tanzen – Denkmal Günni Semmler

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Zylinder vom Sargträger, Jacke aus der Altkleidersammlung, Akkordeon von Hohner, Fahne vom Pils. In der Essener Kneipenszene war er allgegenwärtig. „Bahnhof Süd“, „Ampütte“, „Click“: Wohin man auch kam, Günni war schon da und quetschte seine Kommode. Seit 2007 steht Günni nun da, wo man ihn kannte: vor dem Click am Isenbergplatz. Als Denkmal.

Günter Semmler, geboren 1931. Vater Stuckateur („Regips-Komiker“). Mutter hatte er auch, außerdem eine kleine Schwester, die ihn nicht mochte, und eine große, die sein Talent entdeckte. Kleine Mansardenwohnung in Essen-Rellinghausen, Hitler an der Macht, Zweiter Weltkrieg. Als Bomben auf Günni fielen, da fiel auch Günni: sein erster epileptischer Anfall. Nach dem Krieg Hilfsgärtner im Evangelischen Krankenhaus. Die große Schwester schenkte ihm sein erstes Akkordeon, und Günni lernte zu spielen. Einfach so, ohne Folkwang. Heirat, eine Tochter, Scheidung, Schnauze voll: Günni ging nach Köln, um ein neues Leben anzufangen.

Obdachlos, immer unterwegs, immer mit Akkordeon. In Köln gaben sie ihm nicht „’ne Mark fürs Spielen, sondern fürs Aufhören“. Also zurück ins Ruhrgebiet. Tellerwäscher für Millionäre im Parkhaus Hügel. Und abends mit der Quetschkommode durch die Kneipen. Viele taten ihn als Säufer ab, als Spinner. Bis Stefan Stoppok ihn entdeckte. Er produzierte Günnis Platte „Wer weint, kriegt sein Geld zurück“. Originalton Günni: „Stoppok, du machs mich mein Herz am Tanzen.“

Nun war der Essener Tramp berühmt. Man stelle sich vor: Günni auf dem Weg von der „Ampütte“ nach Hause. Ein Streifenwagen hält. „N’Abend, Herr Semmler. Können wir helfen?“ - „Ihr könnt mich nach Hause fahren.“ - „Aber nur, wenn Sie den Container-Song singen.“ Der Container-Song. Eines der wenigen Stücke der Musikgeschichte, die nie zweimal in der gleichen Version gespielt wurden. Günni Semmler, der John Lee Hooker des Ruhrgebiets. Günni singt, zieht eine Kamera heraus und lässt sich im Streifenwagen fotografieren. „Dat glaubt mir sonst keiner.“

Günni war ein Clown, ein Thekenschreck, ein Netter. Er gehörte einfach dazu. Bis die Gäste nach Hause gingen. Dann war er wieder vergessen. Günter Semmler starb am 11. September 2004. Fast hätte er ein Armenbegräbnis bekommen. Doch Freunde kratzten bei einem Benefizkonzert in der „Ampütte“ die Kohle zusammen. Stoppok war auch dabei. Die Menschen, für die Günni spielte, sorgten für einen letzten würdigen Auftritt. Und Günni bekam ein richtiges Grab auf dem Parkfriedhof. Nicht weit von Gustav Heinemann.

Informationen:

Biergarten des Café Click
Isenbergplatz / Beethovenstraße 1
45128 Essen