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Es geht weiter. Immer weiter. Zeche Carl

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Die Essener Zeche Carl war schon ein soziokulturelles Zentrum, als es den Begriff noch gar nicht gab. Von Industriekultur ganz zu schweigen.

Es war ein grandioses Konzert. Die Band hieß Noir Désir,  sie war in Deutschland noch relativ unbekannt, in Frankreich längst eine große Nummer. Zeitpunkt: irgendwann Ende 1993, Anfang 1994. Ort des Geschehens: die Waschkaue der Zeche Carl in Essen. Einer der besten Konzertorte für Rockbands weit und breit.

Sänger Betrand Cantat sang und schrie sich an diesem Abend die Seele aus dem Leib, bis das Publikum tobte. Und als es nach weit über zweieinhalb Stunden gar nicht mehr zu gehen schien mit der Stimme, da kam er noch einmal zu einer Zugabe auf die Bühne und strapazierte bei einer ausufernden Coverversion von John Lennons I Want You seine ohnehin angeschlagenen Stimmbänder bis aufs Äußerste. Jene Stimmbänder, die, so erzählte man sich, schon einmal hin waren. Aber Cantat war danach zurückgekommen und auch außerhalb Frankreichs bekannt geworden. Denn es geht ja immer irgendwie weiter.

Es geht immer irgendwie weiter. Das könnte auch ein Motto für die Zeche Carl im Essener Stadtteil Altenessen sein. Geschaffen in abrissreifen Gebäuden, um ein Ort sowohl für durchtanzte Nächte als auch für gesitteten Applaus zu werden. Und das über 35 Jahre. Ein Ort für Jugend- und Seniorenarbeit. Für Partys und Rock-Konzerte, für Kabarett und Comedy. Sogar für politische Veranstaltungen. Dabei hatte die Politik mit den Anfängen der Zeche Carl zunächst mal gar nichts zu tun.

Die Wurzeln

Begonnen hatte alles 1977. Soziokulturelle Jugendzentren waren noch nicht erfunden, doch die autonome JZ-Bewegung lag in ganz Europa förmlich in der Luft. Allerorten „rotteten“ sich Jugendliche zusammen und verschafften sich Gehör. Beispiel Wien: Dort besetzten Jugendliche den Schlachthof und forderten die Einrichtung eines Jugendzentrums. Tatsächlich gelang es ihnen, den ganzen Sommer lang ein festivalartiges Programm auf die Beine zu stellen. Doch als der Sommer ging, rollten auch sie ihre Schlafsäcke zusammen – die Stadt Wien hatte Strom und Wasser abgestellt.

In Essen war die Lage kaum von der in anderen europäischen Großstädten zu unterscheiden. „Es gab keine einzige offene Einrichtung, aber viel Meckerei über Jugendliche, die auf Spielplätzen rumlungerten“, erinnerte sich Willi Overbeck vor einigen Jahren in einem Interview. Als das Einkaufszentrum in Altenessen schließlich einen Wachdienst engagierte, um die Jugendlichen von den Geschäften fernzuhalten, gingen diese in die Offensive, denn: „Man kann 7000 Jugendliche nicht zur Randgruppe erklären, nur weil sie keinen Bock haben, sich zu Hause mit ihren Alten zu kloppen.“ Ende der 70er-Jahre war Overbeck Gemeindepfarrer im Essener Norden und wurde zum Sprachrohr für die jungen Menschen im Stadtteil. 

Aber wohin mit Ihnen? Die Zeche Carl bot sich geradezu an, denn sie war in städtischem Besitz. Nach dem Rückzug des Bergbaus im Dezember 1973 hatte die Stadt das Zechengelände mit seinen Anlagen, die teilweise noch aus den Jahren 1855/56 stammten, gekauft. Die Gebäude sollten abgerissen und neue Wohnungen errichtet werden. So hatte man es von Anfang an vorgesehen. Auch auf dem heutigen Welterbe Zollverein war dies knapp zehn Jahre später eine recht realistische Option. Zechen waren nun mal nicht für die Ewigkeit gebaut. Und es ist keine allzu gewagte These zu behaupten: Ohne die Erfahrungen, die man in den kommenden Jahren mit Carl machen sollte, hätte man sich vielleicht nie an Zollverein herangetraut.

Doch zurück in die 70er. Die Jugendlichen im Essener Norden zogen eine Besetzung der ehemaligen Zeche nach Wiener Vorbild in Erwägung – doch verwarf man diese Idee wieder. Overbeck: „Nach Wien war uns klar: Wenn wir ein Jugendzentrum wollten, dann nur im Konsens und mit öffentlichen Mitteln. Konflikt ja. Doch wir waren gesprächsbereit und verlässlich.“ Dauerhafter Druck von unten – das war der bessere Weg.

Die Jugendlichen mieteten eine Plakatwand für einen öffentlichen Aufruf, baten die Essener Bürger um Spenden: Helme zum Arbeiten, Klamotten, Werkzeug. Und die Bürger kamen. Das auch dank unvergleichlicher Öffentlichkeitsarbeit und ohne Einflussnahme der Politik. Die reagierte eher unwirsch – man war es gewohnt, gefragt und eingeladen zu werden, um ebenfalls das Gesicht in die Kameras der lokalen Presse halten zu können. Doch die Erfahrung der Jugendlichen mit den Mechanismen der Politik war gleich Null.

Im April 1981 schließlich begannen 70 Jugendliche mit dem Umbau der Zeche Carl, der sechs Jahre in Anspruch nehmen sollte. Hunderte halfen, kamen samstags zwischen 11 und 17 Uhr und stürzten sich in die Arbeit. Arbeitslose Jugendliche organisierten die Baustelle. Überwiegend Punks. Eben die, vor denen die Eltern immer warnten, weil sie Bier tranken und so komische Frisuren hatten und überhaupt. Der personifizierte schlechte Einfluss. Probleme mit Vandalismus gab es hier jedoch nie. Man passte eben auf, dass das Selbstgebaute nicht zerstört wurde. Zwischendurch wurde gefeiert, Bands kamen und spielten, und danach „sah es immer aus wie Sau“ (O-Ton Overbeck). „Aber nur auf dem Boden. Einmal fegen und fertig.“  

Noch immer gingen die Meinungen in der Nachbarschaft auseinander: Die einen sprachen von „Hausbesetzern“, die anderen von „Bürgerbegehren“. Doch schließlich, nach langen Verhandlungen, half die Stadt, die neue Nutzung der Zeche Carl auf festen Boden zu stellen: Sie überließ der bereits 1978 gegründeten Initiative Zentrum Zeche Carl e.V. die Gebäude und das Gelände miet- und betriebskostenfrei.

Von der Bruchbude zum soziokulturellen Zentrum: der  Amerikanische Traum in Altenessen? Wenn man es auf lange Sicht betrachtet: ja. Tatsächlich gingen die Jugendlichen jahrelang auf dem Zahnfleisch, bis die Zeche Carl tatsächlich die ersten Schritte machen konnte, ein Vorzeigeprojekt in Sachen Breitenkultur zu werden.

Die Triebe

Doch es wurde ein Projekt, aus dessen Wurzeln weitere Triebe sprossen. Und was entstand in den darauffolgenden Jahren nicht alles auf dem Gelände oder siedelte sich dort an: ein Kinderbereich, ein Restaurant, das Stadtteilbüro mit seinem Forum für internationale Friedensarbeit, die Jazz Offensive Essen, die Altenessener Handwerker-Initiative und Ethno Art Ruhr. Im ehemaligen Badehaus saß das lokale Fernsehen OK 43, das Medienzentrum Ruhr, der Verein für Kino- und Medienarbeit Zelluloid, die Neue Essener Welle, das Hannah-Arendt-Bildungswerk. Aus dem Maschinenhaus wurde ein Produktionsort der Künste.

Nicht alle existieren noch, und nicht allen war ein gutes Ende beschieden. Nur ein Beispiel: 1996 begann die Ideenfindung für Ethno Art Ruhr. Die Situation: Jeder vierte Jugendliche mit dem vielbeschriebenen Migrationshintergrund war damals arbeitslos, die Quote damit doppelt so hoch wie bei deutschen Jugendlichen. Ein Lösungsansatz war die Kultur: Die Zeche Carl verfügte über sechs Proberäume, an jeden waren etwa 20 Jugendliche gebunden. Und einige von ihnen waren so gut, dass sie professionelle Möglichkeiten verdienten. Integration sollte hier kein Programm sein, sondern gelebt werden. Ethno Art Ruhr förderte vor allem den non-verbalen Bereich der Kultur: Talente in Musik, Akrobatik und Tanz standen im Mittelpunkt. Eine gute Idee, die allerdings Geld kostete – am Ende stand die Insolvenz, die erst jetzt, Mitte 2013, endgültig abgeschlossen wird. 

Auch das soziokulturelle Zentrum Zeche Carl hat mittlerweile eine Insolvenz hinter sich. Im Jahre 2008 waren die Finanzierungslücken des Trägervereins einfach nicht mehr zu stopfen. Was tun mit all diesen schönen Gebäuden, mit all der Industriekultur? Das Maschinenhaus war verpachtet, der Malakowturm wurde städtisch und damit nach und nach zur Ruine, und das Badehaus – ach, bloß nicht vom Badehaus anfangen.

Auch heute noch, fünf Jahre später, ist vieles auf dem Gelände ein Sanierungsfall. Vor allem der denkmalgeschützte Malakowturm: Das Portal ist seit Jahren eingerüstet, ein Bauzaun sperrt den Turm aus Sicherheitsgründen ab, ein Statiker untersucht derzeit die Standfestigkeit. Trotz Investitionen von etwa 1,6 Mio. Euro ist an eine zukünftige Nutzung nicht zu denken – im Moment geht es lediglich um den Erhalt der bröckelnden Fassade, handelt es sich hier doch um den ältesten Turm dieser Art im Ruhrgebiet. 

Auch das ehemalige Badehaus steht seit langem leer. Aber auch hier soll es weitergehen: Die Stadt Essen plant seine Sanierung, um daraus ein Verwaltungsgebäude zu machen. Immerhin. Eine Million Euro will man investieren, um hier spätestens im Herbst 2014 die Sozialen Dienste des Jugendamtes in Altenessen mit 25 Mitarbeitern unterzubringen.

Die Früchte

Die Qualitäten der Zeche Carl als soziokulturelles Zentrum aber blieben trotz aller Sanierungsfälle erhalten. Die Insolvenz war der einzige Ausweg, damit sich Carl wieder auf sein Kerngebiet konzentrieren konnte: ein Programm für Jugendlich genau wie für Senioren. Ein Programm, das in den Stadtteil hinaus wirken kann. Man gründete eine neue Betreibergesellschaft und setzte auf runde Tische, an denen jeder sagen konnte, was er sich von der Zeche Carl erwartete.

Und tatsächlich geht es voran – bis heute: Gerade ist das Casino-Gebäude nach seiner energetischen Sanierung neu eröffnet worden. Die Zeche Carl ist immer noch ein Ort, an dem man abends richtig feiern kann. Musikalisch ist man im Vergleich zu früheren Jahren breiter aufgestellt: Lag noch in den 90er-Jahren der Schwerpunkt deutlich auf Rock, so öffnet man sich mittlerweile auch der elektronischen Musik und dem Jazz. „Die Zeche Carl hat eine Geschichte“, sagt Pressesprecherin Tonja Wiebracht. „Diese Traditionen verleugnen wir nicht, aber natürlich gehen wir mit der Zeit.“

Und das bezieht sich längst nicht nur auf die Veranstaltungen. So schickt Carl etwa im Rahmen des Projekts Kunst schafft Stadt seit Anfang 2013 junge Künstler in den Stadtteil. Es gilt, Altenessen mit Kunst und Kultur zu entdecken und zu beleben. Bereits im November 2011 gründete sich zudem auf Initiative der Auf Carl gGmbH unter der Projektleitung von Joscha Hendricksen das Netzwerk-X – Für Kunst und Soziales: ein Zusammenschluss von Menschen, die in der Stadt und darüber hinaus kreative Ideen in die Tat umsetzen. Ob Theater oder Malerei, Kino oder Graffiti, Konzert oder Kammermusik – nichts wird im Vorhinein ausgeschlossen.

Oder auch dies: Eine der Ursprungsideen der Ethno Art Ruhr setzt ein ungewöhnliches Musikprojekt fort, das im Frühjahr 2011 ins Leben gerufen wurde. Im Orkestra Crosscultura kann HipHop auf traditionelle Folklore, Minimal Music auf Pop oder Kammermusik auf Elektronik treffen – der Musik sind keine Grenzen gesetzt. Erlaubt ist alles, was Sinn und Spaß macht. Nachdem sich mittlerweile ein fester Kern an Musikern und Musikerinnen gebildet hat, bereitet des Orkestra unter der künstlerischen Leitung von Markus Stollenwerk nun ein abendfüllendes Konzertprogramm vor. In wöchentlichen Proben erarbeiten die Musiker ein eigenständiges Repertoire, das nicht nur ihre vielfältigen musikalischen Stilistiken und ihre unterschiedliche Herkunft widerspiegelt, sondern auch ein Abbild ihrer Lebenswirklichkeit ist.

Und dann ist da natürlich noch die ExtraSchicht, die das internationale und das allererste Vorzeigeprojekt miteinander verbindet: Neben dem Welterbe Zollverein ist die Zeche Carl hier Essens zweiter Anlaufpunkt. „Backsteinbunt“ wird es am 6. Juli 2013, wenn Teilnehmer des Projekts Kunst schafft Stadt ein modernes Experimentierfeld verschiedener Kunstformen schaffen: Junge Kreative und Künstler aus dem gesamten Ruhrgebiet kommen auf Carl zusammen und verwandeln das Gelände mit Musik, Performances, Installationen und vielfältigen Mitmachaktionen in eine zeitgenössische, interaktive Kunstlandschaft.

DJs und Musiker treffen auf Maskentheater und Akrobatik, Aufführungen in bunten Zirkuszelten und Streetart-Workshops auf zahlreiche Klanginstallationen. Und da eine echte Nacht bekanntlich bis zum Morgen dauert, startet um Mitternacht die Party „100% Zeche". Die wiederum gibt einen Vorgeschmack auf das Folkwang Physical Theatre Festival, das vom 11. bis 14. Juli im Maschinenhaus stattfindet. Nicht nur die ExtraSchicht beweist: Auch über städtische Grenzen hinaus hat die Zeche Carl nach wie vor Strahlkraft. 

Dazu trägt das breite Veranstaltungsprogramm bei, das von Konzerten, Comedy- und Kabarettveranstaltungen über Lesungen bis zu Ausstellungen und Theateraufführungen reicht. Partys und Tanzveranstaltungen ergänzen den monatlichen Kalender. Zahlreiche lokale, nationale und internationale Künstler unterschiedlicher stilistischer Richtungen sind regelmäßig gerne zu Gast und bereichern die Kulturszene Essens. Die Küche bietet kleinere und größere Köstlichkeiten an, die Kneipe präsentiert sich mit einem umfangreichen Getränkesortiment.

Eigentlich ist alles wie früher. Nur Noir Désir werden hier wohl nicht mehr spielen. Was nun gar nicht an der Zeche Carl liegt, sondern am Sänger Bertrand Cantat, seinem langjährigen Drogenmissbrauch und an schwedischen Gardinen. Andererseits – wenn wir eines von Carl gelernt haben, dann dies: Es geht immer irgendwie weiter.

INFO

Zeche Carl
Wilhelm-Nieswandt-Allee 100
45326 Essen
Telefon 0201 / 83 44 410
www.zechecarl.de