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Essen – Grüne Hauptstadt Europas

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Essen wird „Grüne Hauptstadt Europas 2017“. Nachdem die Stadt im vergangenen Jahr knapp gescheitert war, setzte sie sich nun in der Finalrunde in Bristol gegen die Konkurrenz durch. Bereits vor dieser Entscheidung sprachen wir mit der Essener Umweltdezernentin Simone Raskob über Chancen und zukünftige Projekte.

Frau Raskob, was hat sich seit vergangenem Jahr getan?

Zunächst einmal hatten wir mit Ela ein dramatisches Sturm-Ereignis am 9. Juni 2014. Das haben wir unter dem Thema „Widerstandsfähige Stadt“ in die Bewerbung mit eingearbeitet, weil wir glauben, dass das Thema Klimaanpassungsstrategien – sei des Sturm, Starkregen, Hitzeperioden – unsere Städte in Europa zukünftig mehr beschäftigen wird, als uns allen lieb ist.

Hat sich die Stadt denn seit Ela wieder erholt?

Wenn Sie hier im Rathaus aus dem Fenster schauen, dann sehen Sie: Wir sind immer noch die grünste Stadt Nordrhein-Westfalens, auch wenn wir 20.000 Straßenbäume und Parkbäume verloren haben und immer noch Teile unseres Waldes nicht wieder aufgeforstet sind. Aber was wir aus diesem Ereignis lernen ist, ein neues Leitbild über einen Workshop zu entwickeln: Wie sieht der Wald der Zukunft in Essen aus? Ist es der naturnahe Wald, der Buchen-Mischwald, der dreistufige Wald oder lassen wir auch Parzellen liegen, wo der Wald sich selbst überlassen bleibt? Diese Diskussion führen wir gerade mit den Bürgerinitiativen und allen gesellschaftlichen Gruppen. Das ist ein sehr spannender Prozess, den wir bis zum Ende des Jahres abschließen möchten. So lange werden wir in unserem Wald keinen einzigen Baum fällen, denn es liegt noch genug unten.

Zwölf Themenfelder sind für die Bewerbung zur „Grünen Hauptstadt“ ausschlaggebend. Wo liegen für Essen die Stärken? Wo gibt es noch Nachholbedarf?

Die technische Vorjury hat gelobt, dass Essen bei allen zwölf Kriterien Platz eins oder Platz zwei belegt. Wir haben einen Ausreißer: Unsere größte Schwäche ist das Thema Verkehr. Da waren wir nur auf Platz sieben.

Wenn Sie mich nach Alleinstellungsmerkmalen fragen, dann werden wir sicherlich punkten mit der 150-jährigen Transformationsgeschichte von der Kohle-und-Stahl-Stadt zur grünsten Stadt Nordrhein-Westfalens. Aber auch mit der Energiewende, die wir als Blaupause in der Energiestadt Deutschlands beispielhaft umsetzen wollen. Wie kommen wir zu einer CO2-freien Stadt? Unser Ziel ist es, bis 2050 auf minus 95 Prozent zu kommen. Das ist ehrgeizig.

Das zweite Alleinstellungsmerkmal ist das Thema Emscherumbau und das Arbeitsprogramm „Essen Neue Wege zum Wasser“ und damit die Lebensqualität dieser Stadt in der kurzen Erreichbarkeit für alle Bürger, diese Radwege, diese Parkanlagen zu erreichen.

Nehmen wir an, Essen wird „Grüne Hauptstadt Europas“. Was hat die Stadt von diesem Titel?

Es ist zunächst einmal eine große Anerkennung der umweltpolitischen Leistung Essens, aber auch der Metropole Ruhr. Denn Umweltprobleme können nur regional gelöst werden. Und wir werden vor allem Zugang zu europäischen Fördergeldern bekommen. Es geht um Geld für Umwelt-Investitionen. Jeder fünfte Euro der Europäischen Kommission geht in den Klimaschutz. Dieses Geld haben wir jetzt schon durch Förderanträge angezapft und haben bereits hohe siebenstellige Summen nach Essen geholt. Wer heute nicht in Brüssel klappert, bekommt auch nicht die notwendigen Finanzmittel. 

Aber es geht auch um die Verbesserung der Lebensqualität für die Essener Bürger. Leitprojekt: Baden am Baldeneysee. Wir möchten im nächsten Jahr am Seaside Beach den ersten öffentlich zugänglichen Badepunkt schaffen. Wir glauben, dass dort die Wasserqualität an 90 Prozent der Tage im Jahr so gut ist, dass Menschen dort baden können. Das ist etwas Emotionales. Denn viele Essener, die länger hier wohnen, haben dort schon einmal gebadet. Es ist seit fast 30 Jahren verboten. Es wäre schön, den Essenern ihre Ruhr zurückzugeben – wir wollen auch in Steele und in Werden solche Punkte schaffen. Wir wollen Trinkwassergewinnung verbinden mit der Freizeitnutzung Baden in der Ruhr.

Was ist Ihr persönliches grünes Highlight in Essen?

Ich glaube, dass das Thema Emscherumbau und „Essen. Neue Wege zum Wasser“ alle Bürger positiv betrifft. Egal, ob man aus dem Essener Norden oder Süden kommt. Das ist ein Leitprojekt nach der Gesamtstrategie: Freiraum schafft Stadtraum. Ein Projekt, an dem wir schon seit 2005 arbeiten und an dem wir auch weiter arbeiten werden. Dann gibt es Highlight-Projekte, die punktuell sind, zum Beispiel Baden in der Ruhr. Oder auch kleinere Projekte, wie die Ansiedlung von Fischen in der Emscher. Seltene Fische, die es vor 70 oder 80 Jahren hier zuletzt gegeben hat. Das sind kleine Bausteine. Oder auch ein Projekt wie „Schule Natur“, das Kinder und Jugendliche seit 20 Jahren im Grugapark an das Thema Umweltbildung und Umweltbewusstsein heranführt. 

Und was ist der am meisten unterschätzte grüne Ort in Essen?

Vielleicht der Essener Norden. Es gibt immer noch das Vorurteil, dass der Essener Norden nicht grün sei. Und wenn man die Geschichte seit der Grünen 14 über die Grüne 50 in den 70er- und 80er-Jahren sieht und jetzt das Projekt „Essen. Neue Wege zum Wasser“ und mal durch den Essener Norden fährt entlang der Wasserroute und der Naturroute Richtung Emschertal, dann sieht man, dass der Essener Norden ein wunderschöner grüner Bereich geworden ist. Und wenn jetzt noch die Emscher umgebaut wird – und das wird bis 2020 auf Essener Stadtgebiet der Fall sein -, dann wird das eine runde Sache. Dann kann man Ruhrtal und Emschertal über diese Radverbindungen in 25 Minuten erreichen.