zurück Architektur & Design

LOHBERG – Flüssige Bilder illustrieren den Wandel im Revier

Die Zeche Lohberg in Dinslaken. Hier wurde am 30. Dezember 2005 die letzte Kohle zu Tage gehoben – eine hundertjährige Bergwerksgeschichte ging damit zu Ende. Noch steht eines der beiden Wahrzeichen dieser einst größten Zeche im Ruhrgebiet: Der Förderturm „Lohberg 2“, ein hellgrüner Stahlkoloss als weithin sichtbare Landmarke. Doch einige denkmalwürdige Industriebauten wurden bereits geschliffen. 

Wie ein in der Wüste gelandetes Raumschiff

Die Ästhetik des Verfalls hat aber auch eine ganz eigene Faszination und zieht immer wieder Künstler zur stillgelegten Zeche. So auch den Fotografen Peter Hölscher. Bereits 2009 – fünf Jahre nach der Zechenschließung – beging er das Gelände mit seiner Kamera und nahm mehr als 250 Fotos auf. Diese verarbeitete er zu einem Liquid Image, einer Abfolge ineinander fließender Bilder, die sich zu einem Farben- und Formenspiel vertrauter Ansichten und überraschender Details verbinden. Den Soundtrack zur Installation lieferte WDR-Musikjournalist Michael Rüsenberg, der zur selben Zeit die berühmte Danziger Werft besuchte. Seine dort aufgenommenen Fieldrecordings passten thematisch so gut, dass er eine Komposition für „Lohberg“ daraus zusammengeschnitten hat. 

Die Installation führt bei den Betrachtern zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Die Langsamkeit der wechselnden Bilder ermöglicht eine tiefgehende Wahrnehmung des Areals, der vielschichtige Sound löst Emotionen aus, der mediale Zechenbesuch wird zu einem individuellen Erlebnis. „Hauptdarsteller von „Lohberg“ ist eindeutig der Rundeindicker, eine Art riesiger Wasseraufbereiter, der hier in der Landschaft steht, wie ein in der Wüste gelandetes Raumschiff“, erklärt Hölscher. Einige seiner damals aufgenommenen Bauwerke sind inzwischen verschwunden, und so ist die Installation auch Zeugnis einer vergangenen Industrielandschaft. 

Himmelfahrt mit einem stählernen Monstrum

Ein Industriedenkmal, das hingegen noch sehr rege genutzt wird, kam Hölscher 2014 vor die Linse: der historische Personenaufzug Santa Justa in Lissabon. „Wer nicht weiß, dass er dort steht, kann einen gehörigen Schrecken bekommen, wenn er mit seinen 45 stählernen Metern Höhe unvermittelt im Gesichtsfeld erscheint“, so Hölscher. Sein Liquid Image zeigt einen Rundgang um diesen über hundertjährigen Zeitzeugen, gefolgt von einer Himmelfahrt. Der Sound zu „Elevador de Santa Justa“ entstand zeitgleich und war von Anfang an Teil des Konzepts. Komponist Ronald Gaube ließ sich von den Stahlseilen des Aufzugs zu einem drahtig, halligen Sound aus elektronischen Klangstrukturen inspirieren, in die Originalklänge der Lissabonner Altstadt eingewebt wurden. Bilder und Klänge verbinden sich zu einer surrealistischen Tagtraumreise in die Seele dieses Architekturmonuments.

Hölscher und Gaube verbindet eine jahrelange freundschaftliche Zusammenarbeit und die Liebe zu Lissabon. Der portugiesischen Hauptstadt haben sie eine Trilogie gewidmet, die Ende Oktober bei der Leverkusener Kunstnacht aufgeführt wurde und zahlreiche Besucher faszinierte. Kulisse war wiederum ein Industriedenkmal: Die Reuschenberger Mühle, ein denkmalgeschütztes klassizistisches Gebäude, in dem sich auch Hölschers Atelier befindet. Verteilt über drei benachbarte Räume, verschmolzen die Bild-Ton-Installationen zu einem Gesamtkunstwerk.

Betonklotz von faszinierender Schönheit

Das Zusammenspiel von Fotografie und Klang in Verbindung mit moderner Projektions- und Soundtechnik ist für Peter Hölscher und Ronald Gaube inzwischen zu einem festen Konzept geworden, das sie „Area Composing“ nennen. „Dieser innovative Umgang mit den Mitteln der Kunst bewirkt eine völlig neue Wahrnehmung von Gebäuden und ihrem lebendigen Umfeld und schärft die Sinne für den emotionalen Reichtum des jeweiligen Ortes“, erläutert Gaube. 

Jüngstes Projekt der beiden Area Composer ist ein Porträt des Mariendoms in Neviges (Velbert), der berühmten Wallfahrtskirche des Architekten Gottfried Böhm. Mit Fotoapparat, Mikrofonen und Aufnahmegerät rückten sie dem faszinierend schönen Betonklotz auf den Leib und komponieren derzeit aus dem Material einen sehr eigenen Kanon an Formen, Farben, Tönen und Geräuschen.

Die Ruhrgebietsschätze medial erhalten

Ob Sakralbauten oder Industriedenkmäler – im Ruhrgebiet finden sich unzählige Herausforderungen für die Area Composer. Insbesondere die dem Verfall preisgegebenen Zechen und Industriebauten haben es Hölscher und Gaube angetan. Mit ihren Installationen würdigen sie diese stolzen Zeugen einer vergangenen Zeit und verleihen Schmerz und Widerstand gegen den Verlust einer ganzen Arbeits- und Industriekultur Ausdruck. „Area Composing zeigt die Industriemonumente in einer Zwischenwelt zwischen ihrer noch realen Existenz und ihrem allmählichen Verschwinden“, schließt Gaube.

Mehr über die Liquid Images von Peter Hölscher: www.area-composer.de