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Mit dem Fahrrad durch Essen – Die Wasser-Route

Zwischen der Wiege der Ruhrindustrie am Baldeneysee und dem UNESCO-Welterbe Zollverein an der Emscher verknüpfen in Essen Fahrradstraßen abseits des Autoverkehrs die kleinen und großen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Stätten der Industriekultur vor allem, aber auch viel Überraschendes – eine Burgruine etwa, die Sternwarte für einen Raumfahrtpionier und ein spätmittelalterliches Eisenwerk, das einst im Siegerland hämmerte.

Sechs gewaltige Kamine in Reih‘ und Glied sind das erste, was von Zollverein in den Blick kommt. Die Kokerei, nicht die Zeche. Jedenfalls für den, der vom Emscherpark-Radweg kurz vor der Schurenbachhalde rechts abgebogen ist, um dann entlang der alten Köln-Mindener-Eisenbahnstrecke das letzte Stück bis zum UNESCO-Welterbe zu radeln. Im Schatten der Schornsteine und der riesigen Koksofenbatterien, die hier noch den Blick auf den markanten Doppelbock-Förderturm versperren, führt der Weg durch eine einzigartige Landschaft, in der die Natur seit einigen Jahren wieder wachsen und wuchern darf. Und das tut sie auch, sogar oben auf der Kokerei gedeihen Birken und einige kleinere Gehölze.

Überhaupt ist es überall grün entlang der „Wasser-Route“, einem der drei recht neuen Radwege zwischen der Ruhr im Essener Süden und der Emscher hier im Norden der Stadt. Da gibt es das gepflegte Grün der Parkanlagen, das Garten-Grün mit den bunten Sprenkeln der Blumen und Sonnenschirme vor dem backsteinroten Hintergrund der Zechensiedlungen. Und nicht zuletzt, sondern ganz am Anfang, das Grün der Wälder über dem Ruhrtal.

Ganz in der Nähe des Wehrs, das die Ruhr zum Baldeneysee aufstaut, beginnt die „Wasser-Route“. Sie zweigt ab vom Ruhrtalradweg, dem bekanntesten touristischen Radweg der Region, den jedes Jahr über 100.000 Gäste nutzen. In den Wäldern rund um den See finden Pedalritter weitere gut ausgebaute Strecken. Etwa die neue, rund 17 Kilometer lange „Rad-Erlebnisroute Süd“, die 16 spannende Stationen verbindet, darunter die Krupp‘sche Villa Hügel, die 750 Jahre alte Ruine der Neu-Isenburg und die Altstadt von Essen-Werden. Ende des achten Jahrhunderts von Benediktinern gegründet, hat sich Werden bis heute den Charme einer alten Abtei-Stadt bewahrt. Vor allem aber erschließt diese Route einige der ältesten Industriekultur-Standorte des Ruhrgebiets.

Denn im Ruhrtal traten einst an den Hängen Kohle und Erz offen zu Tage; wurden bereits vor mehr als 500 Jahren abgebaut und an Ort und Stelle verarbeitet. Wie, das lässt sich in der „Kulturlandschaft Deilbachtal“ erleben, etwa vier Kilometer vom Bahnhof Essen-Kupferdreh entfernt. Das einzigartige Ensemble von Bau-, Boden- und Technikdenkmälern zeigt auf kleinstem Raum die komplette Geschichte des Ruhrgebiets von der mittelalterlich-bäuerlichen bis zur heutigen postindustriellen Landschaft. Die Ausstellung im „Kutschenhaus“, einer Außenstelle des Ruhr Museums, verdeutlicht mit Hilfe von Karten und Schautafeln, wie sich die Kulturlandschaft entwickelte. Der Bauernhof mit Mühle stammt aus dem 13. Jahrhundert, der „Deilbachhammer“ zur Kupferbearbeitung von 1550. Und auch Reste der allerersten Eisenbahn Deutschlands, einer pferdebetriebenen Schmalspurbahn aus dem Jahr 1831, sind noch zu erkennen.

Einige Jahrzehnte jünger und Dank eines Vereins von Eisenbahnenthusiasten immer noch in Fahrt: die Hespertalbahn. Während der Sommermonate fährt sie regelmäßig - oft unter Dampf, manchmal auch von klassischen Dieselloks gezogen – am historischen Bahnhof Kupferdreh ab. Eine gute Gelegenheit, den Drahtesel grasen zu lassen, und im liebevoll restaurierten Zug mitzufahren. Am Ufer des Baldeneysee entlang rattert die Bahn bis zum Haus Scheppen, der Ruine eines 650 Jahre alten Gutshofs der Abtei Werden. Vom ursprünglichen Ziel der Hespertalbahn jedoch ist noch weniger als eine Ruine erhalten: Zeche Pörtingsiepen. Lediglich eine Seilscheibe vom ehemaligen Förderturm wurde hier als Erinnerungsstück aufgestellt. Von der Zeche Carl Funke am gegenüberliegenden Ufer blieb dagegen ein komplettes Fördergerüste erhalten, das bis heute die grünen Wipfel des Schellenberger Waldes überragt. So sieht man dem lieblichen Ruhrtal kaum noch an, dass hier die Wiege der Ruhr-Industrie stand.

Und auch den meisten Essenern ist das kaum noch bewusst, denn seit Generationen ist der Baldeneysee das beliebteste Ziel für den Wochenend-Ausflug mit allem, was dazugehört: kleine Kreuzfahrten mit den Schiffen der Weißen Flotte; Kaffee, Kuchen und etwas Kühles in einem der Biergärten. Und immer schon die Fahrradtour rund um den See. Die Stadt nördlich des Ruhrtals wurde erst in jüngerer Zeit erschlossen für Speichenritter, noch 1991 wurde Essen vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ADFC mit der „rostigen Speiche“ als fahrrad-unfreundlichste Stadt Deutschlands geschmäht. Das wirkte wie ein Weckruf, und längst ist Essen auf bestem Wege, eine Musterstadt in Sachen Radverkehr zu werden. So zweigen vom Ruhrtalradweg inzwischen drei Zweirad-Straßen in Richtung Norden ab, die bis zur Emscher und zum parallel verlaufenden Rhein-Herne-Kanal führen.

Die Fahrt könnte beispielsweise über die  Wasser-Route" gehen, die von der Ruhr aus zunächst durchs Wolfsbachtal zur Walter-Hohmann-Sternwarte führt, einer privaten Einrichtung, die 1969 von einem Verein ins Leben gerufen wurde. Benannt wurde das Observatorium nach dem Essener Stadtbaurat Hohmann, der in seiner Freizeit astronomische Studien betrieb. 1925 veröffentlichte er in seinem Buch „Die Erreichbarkeit der Himmelskörper“ Grundlagenforschungen, die später ins Russische übersetzt und auch fürs amerikanische Apollo-Programm genutzt wurden. Mittwochs und freitags abends zeigen Vereinsmitglieder Besuchern ihre Teleskope, mit denen sie unter anderem „Essen“ im Auge behalten. So heißt der Planetoid von acht Kilometern Durchmesser, den sie vor knapp zehn Jahren entdeckt haben, und für den sie deshalb den Namen auswählen durften. Essens Weg um die Sonne jenseits der Mars-Umlaufbahn dauert über vier Jahre.

Nicht im Kreis sondern geradeaus und mit der Sonne im Rücken führt der Weg der Radler nach kurzer Zeit über die unsichtbare Wasserscheide: Der Kesselbach, dessen Verlauf die Route nun folgt, ist mit den Radlern gemeinsam in Richtung Emscher unterwegs. Er speist den Mühlenteich im Nachtigallental, das so idyllisch ist, wie sein Name klingt. Und er treibt dort den Halbachhammer an, ein spätmittelalterliches Eisenwerk aus dem Siegerland, das Gustav Krupp von Bohlen und Halbach 1914 kaufte und direkt neben der damals neuen Gartenstadt-Siedlung Margarethenhöhe wieder aufbauen ließ.

Von der grünen Gartenstadt, in der viele Kruppianer lebten, geht es weiter zum ehemaligen Krupp-Werksgelände, das sich rund um die neue ThyssenKrupp-Konzernzentrale in einen weitläufigen Landschaftspark gewandelt hat. Hier kreuzt die Wasserroute einen weiteren Garant dafür, dass Essen die „rostige Speiche“ nie mehr bekommt: Den 85 Kilometer langen „Radschnellweg“, der auf der ehemaligen Güterbahntrasse „Rheinische Bahn“ die sechs Stadtzentren zwischen Duisburg und Hamm verbinden wird. Größtenteils noch in Planung, ist die Strecke zwischen dem Essener Uni-Viertel und der Mülheimer Stadtgrenze jedoch bereits fertig. Die City wäre von hier aus auf dem Schnellweg in wenigen Minuten erreicht, aber heute soll es nicht zum Shopping gehen und auch nicht ins Museum oder ins Theater, sondern weiter durch die grünen Seiten der Ruhr-Metropole.

Nördlich der Innenstadt ist die jüngere industrielle Vergangenheit Essens noch stärker präsent als direkt an der Ruhr. Durch typische Backsteinbauten ehemaliger Zechenanlagen etwa. Zum Beispiel die der Zeche Carl mit ihrem Malakow-Förderturm, seit über 30 Jahren ein Kulturzentrum und die Keimzelle der Industriekultur-Idee. Oder durch begrünte Halden, die einzigen Erhebungen in der schon münsterländisch-flachen Landschaft. Teilweise auch in Kleinigkeiten wie den typischen „Trinkhallen“, in denen der Bergmann von einst die letzte Zigarette vor der Schicht rauchte und den ersten Durst danach löschte. Heute sind sie Treffpunkte des Viertels, bieten ein sehr frühes Frühstück oder die Tüte gemischte Bonbons für einen Euro nach der Schule. Und auch die kalte Erfrischung für den durchreisenden Radler.

Die  Wasser-Route" endet am Emscherparkradweg, eine Ost-West-Verbindungen über die Stadtgrenzen hinaus und das Herzstück der „Route der Industrie-Kultur per Rad“. Eine der Stationen ganz in der Nähe: Zollverein, Essens letzte Zeche, die 1986 schloss und die seit 2001 UNESCO-Welterbe ist. Direkt vor der Schurenbachhalde rechts, dann entlang der alten Köln-Mindener Eisenbahn und weiter im langen Nachmittags-Schatten der sechs riesigen Kokerei-Kamine in Reih‘ und Glied.

INFO

In der Touristikzentrale der EMG - Essen Marketing GmbH gibt es die kostenlose Info-Karte ESSEN.PerPedal. Am Hauptbahnhof 2, 45127 Essen, Tel. 0201 88 72 043 oder 88 72 049, E-Mail: touristikzentrale@essen.de, www.essen.de/tourismus