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Puppenhaus und Oberstübchen

Ein Café trägt immer auch die Handschrift seines Besitzers. Deshalb sehen manche Etablissements auch so aus, wie das Oberstübchen dessen, der sie betreibt. Ein Prototyp eines solchen Cafés war in den 80er- und 90er-Jahren die Bochumer „Katzenstube“ von Horst Rybka. Heute heißt es „Café Sylvie – Katzenstube“ – und ist nicht minder persönlich. 

Wer durch die Ecktür eintritt, könnte glatt meinen, er stehe in einem begehbaren Puppenhaus aus dem vorletzten Jahrhundert: Von der meterhohen Decke des kleinen Raums hängt ein Kronleuchter, an der dunkelrot gestrichenen Wand sind ein altenglisches Sofa und dazu passende Stühle mit rotem Bezug gruppiert. Was nicht heißen soll, dass dies der durchgehende Stil im „Café Sylvie – Katzenstube“ ist.

Hier ist keine Sitzgruppe wie die andere: gestreifte Sitzpolster in Beige und Altrosa, runde Tische, eine antike Holzanrichte, hier ein Lämpchen mit rosenverziertem Papierschirm, dort eine Recamiere im Miniaturformat, auf der bevorzugt die kleinen Gäste der „Katzenstube“ Platz nehmen und sich beim Schlürfen ihrer heißen Schokolade wie vornehme Damen fühlen.

Hinter einem schmalen Durchgang, in dem sich die Küchennische befindet, gelangt man in einen zweiten Raum, der mit grüngeblümten Stühlen, Plüschsesseln und einer rustikal anmutenden Holzeckbank ausgestattet ist. In einer langen Glastheke machen hausgemachte Kuchen Lust auf eine süße Teestunde. Auch in diesem Bereich finden sich allerlei Kitsch und Kuriositäten: von der Porzellanputte über das antike Schaukelpferd bis hin zur Katzenfigur auf dem Fensterbrett – letzte Überbleibsel aus der alten „Katzenstube“ von Horst Rybka.

Rückblick

Damals, in den 80ern und 90ern, war sie irgendwie Kult. Dennoch bekam man irgendwie irgendwo immer einen Platz. Egal wie voll es war. Massen gleichwohl drängten nicht in die „Katzenstube“. Sie war halt klein. Und zudem mit Wand- und Standbildern von Katzen genauso vollgestopft wie mit Keramikfiguren und echten Stubentigern. Da blieb eben nicht viel Platz für Gäste.

Und im Hintergrund werkelte Horst Rybka, Katzenfreund und Besitzer der „Katzenstube“. Ein Mann, der Anfang der 80er-Jahre aufgehört hatte, sich seinen Bart zu schneiden. In Anlehnung an die alte Kaffeehauskultur gab es in seiner guten Stube Tageszeitungen und eine große Auswahl an Kaffee und Tee. Sein Milchkaffee schmeckte gut, und man konnte sich stundenlang über der gleichen Tasse aufhalten, ohne dass jemand kam und nach einer neuen Bestellung quengelte. Genau die richtige Welt, in die man sich gefahrlos begeben konnte, um die Zeit zwischen zwei Vorlesungen in den Beton-Kolossen der Ruhr-Uni zu verbringen.

Doch Studenten waren beileibe nicht die einzigen Gäste. Da gab es zum Beispiel Rainer, der Rauten malte. Auf Papier. Nebeneinander, übereinander, ineinander. Vom Nebentisch aus konnte man sehen, dass sie perfekt zu sein schienen, wahre Kunstwerke, doch man traute sich nicht, ihn danach zu fragen. Gerüchte besagten, er werfe seine Rauten an jedem Abend wieder weg. Er brauche sie nicht mehr, er habe sie schließlich im Kopf. Aber ihn danach fragen? Zu tief wollte man in fremde Oberstübchen ja auch nicht eindringen.

Geschichten wie diese führten wohl dazu, dass die Süddeutsche Zeitung vor einigen Jahren schrieb, die „Katzenstube“ sei ein „begehbares kleines Krankheitsbild“ geworden, in dem ein „vorwiegend posttherapeutisches Publikum“ versorgt werde. Sie meinten es ja sicher nett, aber das war dennoch blanker Unsinn.

Nichtsdestotrotz war die „Katzenstube“ das Abbild eines Oberstübchens. Vielleicht sogar mehrerer Oberstübchen gleichzeitig, je nachdem wer gerade zu Gast war. Die Katzen waren immer da. Sie stammten aus den Gedankengängen Horst Rybkas. Er werde die „Katzenstube“ nie verlassen, wurde er zitiert, „nur mit den Füßen voran“.

Was wohl aus ihm geworden ist?

Gegenwart

Ein Jahr lang hatte das Minicafé leer gestanden, bis ihm Sylvia Trenkaus und ihr fünfköpfiges Team vor zweieinhalb Jahren neues Leben einhauchten. Eine Wand rissen sie heraus, um den Durchgang zwischen beiden Räumen zu vergrößern, und mit dem Mobiliar im antik-englischen Stil gaben sie dem Café ein neues und wieder ganz persönliches Gesicht.

Ein echter Hingucker neben der Küche ist der Kinderwagen aus Korbgeflecht mit geblümten Rüschen am Verdeck und vier riesigen Luftreifen. „Damit habe ich meine Zwillinge und meinen Sohn durch Bochum geschoben“, erzählt Sylvia Trenkaus. „Und als Baby habe ich selbst darin gelegen.“

In der „Katzenstube“ kann man mit süßem Frühstück und einer Tasse Bio-Kaffee in den Tag starten, die aufgeschäumte Milch gibt es auf Wunsch auch in der Soja-Variante. Pfannkuchen mit Schoko-Banane oder herzhaft mit Käse und Spinat stehen ebenso auf der Karte wie warme Mittagssnacks mit Getränk für studentenfreundliche 3,90 Euro – viele davon sind für Veganer geeignet, Sojaburger oder Kartoffelgratin mit Tofu gehören zum Standard.

Und um dem altenglischen Charme vollends gerecht zu werden, können Gäste in der „Katzenstube“ auch die „Cream Tea Time“ ordern. Dann wird ein Kännchen Tee – rund 30  Sorten stehen zur Wahl – mit Sandwich oder Scones mit Butter und Marmelade serviert, alles liebevoll angerichtet auf einem hübschen Tablett. Schwierig, sich da nicht wie in einer altenglischen Puppenstube zu fühlen und einfach mal den Tag zu verbummeln. Und mit etwas Glück erwischt man vielleicht sogar eine Lesung oder eine Märchenstunde mit Harfenbegleitung.

 

Info

Café „Sylvie – Katzenstube“
Oskar-Hoffmann-Straße 99
44789 Bochum
www.katzenstube-online.de
geöffnet täglich von 10-19 Uhr, mittwochs geschlossen

 

Text: Sonja Mersch & Torsten Wellmann