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Schön, datte da bist

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Es mag Leute geben, bei denen sich mit der Nennung von „in hostel veritas“ die alte Angst vor dem Lateinlehrer regt. Doch in diesem Oberhausener „Gästehaus“ sind alle beste Kumpel. Und Latein kommt hier ganz sicher niemandem über die Lippen. Die Uhren im Frühstücksraum zeigen die Uhrzeit für Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund. Wer braucht schon New York, Rio, Tokio? Die Weltzeit – sie schlägt im Revier. Was Christina Antwerpen, Inhaberin des Hostels, eindeutig begrüßt: „Ich bin ein Kind des Strukturwandels; ich habe noch erlebt, dass sich meine Eltern dafür schämten, dass sie aus dem Ruhrgebiet kommen und stattdessen immer behauptet haben, in der Nähe von Düsseldorf zu wohnen. Dabei ist es doch echt toll hier.“

Man ist per Du

Christina („Im Hostel wird geduzt, klar?“) spricht nicht nur mit, nennen wir es: der ehrlichen Art eines echten Ruhris, sondern auch druckreif. Kein Wunder, war das veritas bei seiner Gründung vor mehr als zehn Jahren doch das erste Hostel des Ruhrgebiets – und stand seitdem mehr als einmal im Zentrum des öffentlichen Interesses. Mittlerweile verzeichnet der deutschlandweite Verein „Backpacker Network Germany“ im Revier durchaus schon weitere „Herbergen“, so die wörtliche Übersetzung von Hostel. Wer hier anreist, hat einen Rucksack, keinen Koffer. Backpacker eben. An Anglizismen, das ist klar, kommt man - anders als an Latein und einem förmlichen Sie - im veritas nicht vorbei. Schließlich ist das Hostel als solches nicht unbedingt eine urdeutsche Erfindung. „Wir sind ein Erwachsenenhaus; unsere Gäste sind im Durchschnitt 35 Jahre alt. Und anders wollen wir es auch gar nicht. Abschlussfahrten, Studenten, ganze Familien – gerne. Aber Unter- und Mittelstufe auf Ausflugsfahrt sind besser in einer Jugendherberge aufgehoben.“

Christina selbst hat das Hostel-Prinzip auf Reisen kennengelernt; zunächst mit den Eltern, dann mit ihrer Freundin Verena Breuckmann, Mitbegründerin des veritas‘. „Doch es hat tatsächlich eines Zeitungsartikels bedurft, um uns klar zu machen, dass man so etwas auch im Ruhrgebiet aufziehen kann.“ An das Fazit des damaligen Berichts kann sich Christina bis heute erinnern, ebenso wie an den Rotwein, der damals floss: „Oberhausen braucht dringend mehr Betten.“ Und was als „Schnapsidee“ geboren wurde, entwickelte sich nach reichlich Tränen, Stress und harten Auseinandersetzungen mit Banken zum Erfolgsrezept. „Gründen in Deutschland“, sagt die Mittdreißigerin, „ist eine Katastrophe“. Die Routine eines Hostels dagegen – für BWL-Absolventin Christina und Restaurantkauffrau Verena schlicht „Pillepalle“. 

Gut eine Dekade nach Gründung allerdings ist Verena bereits seit einigen Jahren raus aus dem Tagesgeschäft. Stattdessen baut Christina auf ein Team von 18 Leuten, vier Festangestellten und  freien Mitarbeitern. „Das fluppt. Allerdings lernen wir immer noch dazu.“ Die perfekte Art des Bettenmachens etwa hat im veritas seinen ganz eigenen Stil: „Erst alles ab-, dann alles neu beziehen – ein Hotelier würde da durchdrehen“. Was auch daran liegt, dass in einem Zimmer durchaus mehr als eine Schlafgelegenheit zu finden ist. 50 Betten auf 13 Zimmer – das „Ungleichgewicht“ ist Teil des Konzeptes. Denn bei einem waschechten, vom „Backpacker Network Germany“ zertifizierten Hostel sind Mehrbettzimmer verpflichtend. Im veritas nächtigt man bei Kosten von 15 bis 29 Euro pro Person daher auf Wunsch durchaus auch zu fünft, sechst, siebt oder acht in einem Raum. Dreier- und Vierergruppen sind Alltag, Doppel- und Einzelzimmer ebenfalls drin. Der Waschraum jedoch muss für alle Zimmer gleichzeitig reichen. Und spätestens jetzt kommen leichte Jugendherbergs-Campingplatz-Gefühle hoch. Der zweite Blick jedoch macht klar: Das veritas ist für einen solchen Vergleich eigentlich viel zu schräg.

„Willse rein, musse klingeln“

Die an die Flurwand getackerten WM-T-Shirts von 2006 sind leicht verstaubt. In der „Lobby“ hängen Tafeln, an denen sich Besucher per Edding ausgetobt haben, quasi statt Gästebuch. Beim magnetischen Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel in der Diele wurden schon längst Püppchen und Würfel geklaut, und im Biergarten stolpert man über einen Old School-Greifarm- und einen Passbildautomaten. Die Zimmer selbst haben Namen wie „Morgenstund“, „Sternenhimmel“, „Mondenschein“ oder „Abendruh“. Hier kleben Hopper-Drucke, Engel- und Fußball-Bilder an den bunt bemalten Wänden, liest der Gast seine Abendlektüre („Vergiss die Ohren nicht! Gruß Mama“) gleich von den Badezimmerfliesen ab und teilen sich Kaffee und Obst das Fernsehzimmer noch mit echtem Gelsenkirchener Barock und markigen Wandsprüchen. Fazit all dessen: Schön, datte da bist. Wer hier kein Ruhrdeutsch spricht, dürfte aus dem Staunen kaum noch herauskommen – die Erklärung „Willse rein, musse klingeln“ an der Eingangstür fällt da wohl schon in die Rubrik „Lektion Nummer eins“. 

Aber: Es geht auch schicker. Mit einem Ambiente irgendwo zwischen Ikea und Retro. Weniger Schnickschnack, in elegantem Weiß, aber mit knallbunten Farbblöcken an der Wand. Und eigenem Bad – für die Warmduscher unter den Hostel-Gästen. Unter dem Motto „Hostel 2.0 - Alles bleibt anders“ fährt der Anbau fünf Hostel-Suiten auf. Maximalbelegung: vier Personen. Bettwäsche inklusive. Statt Etagenbetten stehen hier Metall-Doppelbetten. Und - Christina wirft sich im „Raum 2010“ auf ein cremefarbenes Sofa: „Mutti hat Landhausstil.“ Die Gäste wiederum zahlen für das kleine Plus Privatsphäre zwischen 25 und 39 Euro. Preisgünstiger Individualtourismus der nächsten Generation. Frühstück gibt’s für 5,90 Euro in der hauseigenen Gastronomie „Ortsgespräch“ – für alle, ganz gleich, ob Hostel-Normaltarif oder Suite-Upgrade.

Schnarcher schlafen lieber solo

14.300 Gäste bis zum Fünfjährigen. Die Zahl ist amtlich. Dann machte ein Blitzeinschlag der Verwaltungssoftware den Garaus. „Mittlerweile werden wir sicherlich auf das Doppelte kommen, aber das ist echt ´ne Schätzung. Das Kulturhauptstadtjahr etwa war nicht schlecht,  aber da war die Qualität der Gäste eine andere. Der anlassbezogene Tourismus - Junggesellenabschiede, Fußballclubs, Frauengruppen, die im CentrO shoppen wollen, - ist 2010 beinahe komplett weggefallen.“ Mittlerweile jedoch ist all das wieder Alltag. So wie der Radfahrer, der gerade vorfährt. Älteren Datums, in kompletter Montur – und mit einer Reservierungsänderung: „Ich brauche für unsere Tour doch noch ein Einzelzimmer mehr. Für einen extremen Schnarcher.“ Christina zuckt nicht einmal mit der Wimper. 

In Oberhausen ist das „veritas“ längst Kult. Und auch „andersherum“ lässt sich die Hostel-Chefin nicht lumpen: „Bei uns muss jeder in den Gasometer.“ Wer hier nach Tipps fürs Revier fragt, sollte einen Block bereithalten. Der „Kultur-Service“ ist dabei ebenso fester Bestandteil des Konzeptes, wie Fairtrade-Produkte, die Arbeit an einer veganen Speisekarte und der Verkauf von Jungdesigner-Mode im hauseigenen Shop „Hostel und Gretel“. Herzblut, das merkt man, steckt hier in jedem Detail und in jedem Winkel des ehemaligen Torhauses. Was Christina übrigens ganz rational erklären kann:  „Ich war schon als Kind im Gründungsfieber und habe Hotel gespielt. Meine Eltern hätten einfach besser aufpassen sollen.“ Spricht’s – und reserviert dem Schnarcher eine Suite mit eigenem Bad. Denn „ein bisschen etepetete“, sagt der Radfahrer sei sein Kollege auch. 

Adresse: in hostel veritas, Essener Straße 259, 46047 Oberhausen, www.in-hostel-veritas.de