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Schmeckt wild! Beeren und Kräuter aus dem Revier

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Sammelsurium, das; -s, seltener Plural: Sammelsurien; ugs. für angesammelte Menge verschiedenartiger Dinge; scherzhafte Studentensprache zum niederdeutschen Sammelsūr, ein sauer zubereitetes Gericht aus Speiseresten, wenig schmackhafte Gemüsemischung. Sauer? Wenig schmackhaft? Keinesfalls! Wer den Jäger mal kurz außen vor lässt und stattdessen den Sammler in sich entdeckt, lernt es schnell zu schätzen, das Sammelsurium an Kräutern und Beeren aus dem Ruhrgebiet. Achtung: Schmeckt wild!  

Es dürfte jetzt etwas mehr als sechs Jahrtausende her sein, dass sich der Mensch der Jungsteinzeit am heimischen Feuer die entscheidende Frage einer jeden guten Küche stellte: „Da fehlt noch was…“ Am Eintopf, am faden Fisch und dem Fleisch von frühen domestizierten Landtieren. Statt zur Premium-Pfeffermühle jedoch ging der Griff ins Grüne; unser Koch schnappte sich Alliaria petiolata, die ihrem deutschen Namen – Knoblauchsrauke – alle Ehre macht. Sofern man die Blätter nutzt; die Samen hingegen überzeugen mit einer delikaten Senfnote, die keiner noch so tollen Mühle bedarf. Ein kurzes Anstoßen im Mörser reicht. 

Ob der bereits zur Küchenausstattung der Jungsteinzeit gehörte oder ob es nicht auch ein simpler Stein tat, sei, gänzlich unwissenschaftlich, jetzt einmal dahin gestellt. Tatsache ist, das hat die Analyse von bei Ausgrabungen gefundenen Töpfen unter anderem aus dem Ostseeraum ergeben: Für laffes Essen scheint der Mensch nicht gemacht. Und: Schon damals griff er gezielt auf die ihn umgebende Pflanzenwelt zurück, um das zu ändern.

Und der moderne Mensch? Steht da und starrt auf das ihm unbekannte Grünzeug, dem man – wollte man höflich sein und das böse Wort „Unkraut“ vermeiden – die Bezeichnung „Wegbegleitgrün“ geben könnte. Steht also und starrt; bis auf einen. Kräuterpädagoge Werner Gahlen weiß ganz genau, was er da, direkt am Wald-Kompetenz-Zentrum Heidhof in Bottrop, vor der Nase hat. Beziehungsweise direkt darunter: „Reiben Sie das Blatt und dann riechen Sie.“ Knoblauch, in der Tat. Vielleicht ein Hauch von Kresse? Ja, man kann sich Alliaria petiolata gut vorstellen - in Quark, einer Kräuterbutter, zu frischem Brot oder in einem Pesto. Dass die Knoblauchsrauke an sich für den Laien dennoch nicht viel anders aussieht als die Brennnessel knapp dahinter, entlockt dem Experten ein feines Lächeln. „Das lernt man mit der Zeit und so schwer ist es eigentlich auch nicht.“

Wer sich schlau macht, erkennt relativ schnell, dass zum einen bei Alliaria petiolata durchaus einiges anders ist als bei Urtica dioica, der Großen Brennnessel, und dass zum anderen wirklich jeder Teil der Pflanze nutzbar ist: von den Blättern, Trieben und Blüten über die jungen Samenhülsen und den ausgereiften Samen bis hin zu den Wurzeln, die Braten und Käseplatten den entscheidenden Kick Schärfe verleihen. Wunderbar auch, dass die Evolution bei ihrer Gesamtplanung meist irgendwie auf dem Teppich geblieben ist und nicht „überdimensioniert“ hat: Manch unscheinbares Kraut offenbart erstaunlich intensive Geschmackserlebnisse. Während so manches hübsche Ding – die heimischen Orchideen etwa sind sämtlich ungenießbar – nicht viel mehr als das ist: hübsch anzuschauen, sofern man nicht als Insekt unterwegs ist. 

Nicht schön, aber lecker

Bestes Beispiel für derart ausgleichende Gerechtigkeit: eben genau die Brennnessel. Wenn man so will, die Vielseitigkeit am Stängel – und für manche das Unkraut schlechthin. Dabei handelt es sich eigentlich um eine alte Gemüsepflanze, deren Blätter wie Spinat zubereitet werden können. Schmackhaft sind sie jedoch auch in Kombination mit Eierspeisen und als Teigmantelgericht, zudem gelten sie als perfekte Grundlage für Gemüsesäfte und Soßen und auch Brennnesselkäse hat längst Anhänger gefunden. 

Dabei macht es einem das Pflänzchen mit seinen fiesen Brennhärchen gar nicht so leicht. Doch Gahlens Griff in die obersten Blattpaare ist routiniert und bleibt ohne Folgen: „Es bringt überhaupt nichts, die Pflanze ganz unten abzuschneiden. Zum einen ist das für die Brennnessel nicht gut, zum anderen ist der untere Teil eh meist schon zu verholzt, um noch verarbeitet zu werden.“ Stattdessen wählt er die weichen obersten Blattpaare – nicht mehr als zwei oder drei pro Pflanze – oder einen einzelnen Seitentrieb, „auf diese Weise rottet man die Pflanze nicht aus und kann das ganze Jahr über ernten“. 

Abwaschen ist Pflicht, bei allen Wildkräutern. Die Brennnessel gleichwohl fordert zudem ihre eigene Kür: Um die Brennhärchen zu entfernen, müssen die Blätter blanchiert werden. „Nicht zu kurz, das bringt gar nichts. Aber auch nicht zu lang, sonst hat man Tee.“ Und der ist nicht das vornehmliche kulinarische Ziel Gahlens: „Ich nutze die Brennnessel vor allem für Suppen und Aufläufe.“ Und selbst getrocknet ist Urtica dioica noch ein Hit und dient im Winter als guter Mineralstofflieferant. Alliaria petiolata bietet derlei Service nicht: Die aromatischen ätherischen Öle des Kreuzblütlers sind extrem flüchtig. Hier muss frisch verarbeitet werden; Vorratshaltung ist nicht drin.

Unterschiede, die man kennen und lernen muss. Da ging es Gahlen, eigentlich Tischler beim Regionalverband Ruhr (RVR)/Ruhr Grün, nicht anders als allen anderen, auch wenn er das grundsätzliche Interesse an Kräutern schon von seiner Großmutter mit auf den Weg bekommen hat. Also ließ er sich zum staatlich geprüften Kräuterpädagogen ausbilden und steht an seinem Arbeitsplatz nun quasi täglich mittendrin in seinem „grünen Supermarkt“. Und: Er gibt sein Wissen weiter. Gesammelt: in gleich zwei Büchern. Und vor Ort: etwa bei Führungen am Wald-Kompetenz-Zentrum Heidhof, wo er, in einer fruchtbaren Kooperation mit dem RVR Ruhr Grün, die gesammelten Kräuter und Beeren anschließend in Kochkursen verarbeitet. Für Jedermann, aber bewusst auch für Schulklassen, „damit unsere Kinder wieder lernen, gesund zu essen“. Im Oktober steht bei ihm beispielsweise die Quitte auf dem Speiseplan – als komplettes Menü. Die notwendigen Früchte? Wachsen auf der nahen Streuobstwiese.

Was Römer mit After Eight zu tun haben

Die steuert der Experte jetzt allerdings nicht an, sondern marschiert gezielt auf eine Ansammlung je gut fünf Zentimeter großer, nierenförmiger Blätter in Bodenhöhe zu. „Ein leckerer Lippenblütler.“ Aha. Und einer mit Vergangenheit, wie es scheint, denn Gahlen kramt jetzt die alten Römer hervor. Die hatten, erzählt er, nach ihren Disputen mit den feindlichen Germanen wenig Lust auf fade Gerstensuppe und daher immer ein wenig getrockneten Gundermann, Glechoma hederacea, unter dem Brustpanzer; zum Nachwürzen eben. So kam der Gewöhnliche Gundermann zu seinem Beinamen „Soldatenpetersilie“, wenngleich sein minzig-bitterer Geschmack ganz und gar nichts mit dem gleichnamigen Doldenblütler zu tun hat. Ganz im Gegenteil: Kombiniert man den Gundermann mit flüssiger Zartbitterkuvertüre, hat man ruckzuck eine leckere Nascherei, die schwer an jene englischen Minztäfelchen mit der Uhrzeit im Namen erinnert.

Gahlens eigentlicher Favorit gleichwohl ruft bei passionierten Gärtnern zunächst wohl nur selten die Assoziation „lecker“ hervor: der Gewöhnliche Giersch, Aegopodium podagraria, ist wegen seiner starken Wurzelausläufer als Plage verschrien. Dabei wird man ihn ganz ohne Chemie wieder los: Indem man ihn isst. „Wenn man vier Mal im Jahr die Blätter oberirdisch aberntet, kann die Pflanze keine Photosynthese mehr betreiben und zieht sich deshalb nach und nach aus dem Garten zurück.“ Ob man das letztlich wirklich will, sei dahingestellt. Immerhin „ist Giersch ein unglaublich vielseitiges Kraut mit angenehmer Petersilien- und Möhrennote“. Perfekt für Pesto. Quasi als Basilikum-Variante: „Für die Grundbasis braucht es nur etwas Giersch, Bärlauch, Olivenöl und Salz. Das bewahrt man im Kühlschrank auf und gibt dann frisch Parmesan, Pinienkerne oder Mandeln dazu.“ Passt, schmeckt gerade auf Grillfleisch und senkt nebenbei noch die Harnsäurewerte. 

Essen ohne Reue. Naja, beinahe. Denn wer mit Wildkräutern noch wenig bis keine Erfahrung gemacht hat, sollte es langsam angehen lassen und die wilden Varianten nur nach und nach untermischen. „Grundbasis für einen Salat ist beispielsweise immer Feldsalat oder Rucola, die Wildkräuter dienen zunächst nur als Verfeinerung und werden dann ganz langsam dominanter. So gibt man dem Körper Zeit, sich an die Umstellung zu gewöhnen.“ Wer gleich begeistert zuschlägt, bezahlt das mitunter mit einem Extragang zur Toilette. „Nicht, weil einem schlecht wird, sondern, weil man so oft Wasser lassen muss.“

Eine bittere Erfahrung

Apropos Übelkeit: Eine Beere steht, nicht nur im Revier, bei vielen Menschen recht weit oben auf der „Muss-nicht-unbedingt“-Liste, zumindest in rohem Zustand: Sorbus aucuparia, die Eberesche oder schlicht Vogelbeere. Nein, nicht giftig, aber in großen Mengen nicht bekömmlich und selbst als einzelne Beere Garant für das ultimative Schweppes-Gesicht. Bitterer geht kaum, und wer einmal gekostet hat, will sich eigentlich gar nicht weiter mit den orange-roten Früchten befassen. 

Was schade wäre: Gahlen verarbeitet sie zu Marmelade, einer Art Chutney, das hervorragend zu Wild passt, und zu Eis. Allerdings setzt er nicht auf die heimische Feld-Wald-Wiesen-, sondern auf die veredelte Zuchtvariante, die ihre Bitterkeit zugunsten einer angenehm herben Säure verloren hat. „Nicht alle veredelten Arten sind in Deutschland zugelassen; doch im Fachhandel sind durchaus einige zu bekommen, die man sich als schönen Baum in den Garten pflanzen kann.“ 

Wer sich nicht sicher ist, welche Vogelbeer-Art er da vor sich hat, muss zwangsweise probieren; ansonsten ist die Unterscheidung für Laien extrem schwierig. Gahlen aber kennt sich aus: Die veredelte Vogelbeere ist sein Hobby. Sechs verschiedene Sorten hat er bereits zu Hause, demnächst soll eine russische Variante dazu kommen. 

Es ist also nicht immer alles ganz so leicht in Sachen Wildkräuter und Beeren. Ein umfassender Pflanzenführer ist da ein Muss, gerade wenn es um Arten geht, die einen ungenießbaren oder gar giftigen „Doppelgänger“ haben. Doch selbst wenn man sich sicher ist, was da vor einem steht und dass man es essen kann, spielt manchmal die Pflanze selbst nicht mit. Zumindest nicht in freier Wildbahn. Beispiel: Wilde Möhre, Daucus carota, Mutter unserer Hausmöhren. Jetzt im Herbst zu erkennen an der vogelnestartigen Dolde, die sich wunderbar in Teig frittieren lässt. Wer jedoch die Wurzel ernten will, hat ein Problem: Nur die Wurzeln der zweijährigen Möhre lassen sich verarbeiten, die jüngeren sind zu klein, die älteren zu hart. Und wie erkennt man das Alter der leckeren Wilden? „Gar nicht“, sagt Gahlen, grinst und wird gleich wieder ernst: „Wildpflanzen sollte man ohnehin niemals ausgegraben. Wer gezielt die Wurzeln nutzen will, muss sich das Kraut über den Samen in den eigenen Garten holen.“

Frei nach Stängel und Blüte

Und wo wir gerade davon sprechen: Es wird Zeit für einen Szenenwechsel und eine ruhige Seitenstraße in Haltern am See. Hier reiht sich ein Vorgarten an den nächsten. Säuberlich bepflanze Blumenkästen, Rasen, Hecken, manche akkurater gestutzt als die Haare eines US-amerikanischen Elitesoldaten. Und mittendrin: ein Naturgarten wie aus dem Märchenbuch, ganz so wie ihm der Stängel gewachsen ist. Und das auf sattgrünen 2000 Quadratmetern. 

Eigentümerin ist die zertifizierte Kräuter- und Waldpädagogin Carola De Marco. Und die hält gerade zwei spitz zulaufende Blätter in der Hand. Der Mund lächelt, wie eigentlich immer an diesem Tag. Doch De Marcos Augen blicken ernst. „Erkennen Sie hier einen Unterschied?“ Nicht wirklich. Vielleicht ist der Blattrand des einen eine Nuance anders geschnitten? Sie reicht die Blätter herüber. Das eine: behaart, rauh, unangenehm. Das andere: weich wie ein Kissen. Sympathisch irgendwie.

Machen wir es kurz: Das weiche Blatt ist das „böse“. Es stammt vom hochgiftigen Fingerhut. Das andere ist ein Blatt des Gewöhnlichen Beinwells, Symphytum officinale, ein Borretschgewächs, das sich gut in Kräutermischungen, als Salatbeigabe oder Pfannengemüse macht. 

„Es ist wirklich wichtig, dass man weiß, was man da vor sich hat“, sagt De Marco. Höchstes Gebot bei der kleinsten Unsicherheit: Finger weg! Dann lächelt sie noch ein bisschen breiter: „Aber ich will Ihnen keine Angst machen. Man kann alles lernen.“ Mit ein Grund, warum De Marco nicht nur Kräuter- und Beeren-Führungen in Haltern und Umgebung anbietet, sondern auch direkt in den Garten des modernen, aber ahnungslosen Menschen kommt. Damit der lernt, was bei ihm wächst – oder noch wachsen könnte. 

„Wildkräuter in den eigenen Garten zu holen, ist gar nicht so schwer. Man sammelt die Samen, und dann findet sich schon das passende Plätzchen.“ Dass wasserliebende Pflanzenvertreter dabei in der trockensten Gartenecke nichts zu suchen haben, sollte allerdings ebenso klar sein wie ein Blick auf die „Eigentümlichkeiten“ des Neuzugangs: „Wer Giersch anpflanzt, muss wissen, mit was er es da zu tun hat.“ Auch zu stark gedüngte Gärten machen Wildkräutern wenig Freude: „Künstliche Dünger nutze ich gar nicht. Ich bin ein Freund der Flächenkompostierung und lasse gerne auch mal Brennnesselschnitt einfach liegen.“ 

Bislang hat sich ihr lediglich der Wiesensalbei standhaft widersetzt. Während sie seit Jahren erfolglos versucht, die Pflanze in ihrer Gartenwiese zu etablieren, hat sich Salvia pratensis ausgerechnet den Gehsteig vor ihrem Haus ausgesucht, um munter zu gedeihen. Die Kräuterpädagogin zuckt die Schultern: „Ich lasse vieles einfach wachsen, mähe nicht übermäßig und steche schon gar nichts aus. Und wenn sich irgendwo eine interessante Pflanze zeigt, dann wird eben darum herum gearbeitet.“

Die Dosis macht das Gift

Vielfalt auf kurzen Wegen: Bis zur Brennnessel etwa, deren kleine, krümeligen Samen sie gern zu Fingerfood verarbeitet: „In der Pfanne mit Olivenöl  anschmoren, ein Spritzer Zitrone drüber – und gut.“ Allerdings funktioniere das nur mit den Früchten der weiblichen Pflanze, die noch schwer und grün wie winzig kleine Nüsschen an den Stängeln hängen, wenn die „männlichen Pflanzen ihr Pulver bereits verschossen haben“. 

Direkt nebenan: die heimische Vogelbeere. Und jetzt wird ihr Lächeln tatsächlich noch ein wenig breiter. „Das mit dem Geschmack kann man durchaus in den Griff kriegen.“ Ihr Tipp: Die Beeren vor der Verarbeitung zunächst eine ganze Weile einfrieren oder in Essigwasser spülen. „Der typische Geschmack geht dann zwar nicht ganz weg. Aber es ist ja auch gerade die Bitterkeit, die wir etwa an einer englischen Marmelade schätzen.“

Die Dosis macht das „Gift“ – eine Weisheit, scheinbar ebenso alt wie die Welt. Und die enthält De Marco, zugleich auch Leiterin des NRW-JugendUmweltMobils der Naturschutzjugend (NAJU), auch dem Nachwuchs keinesfalls vor: „Kein Kind, das einmal eine Vogelbeere roh probiert hat, wird jemals problematische große Mengen davon zu sich nehmen.“ Entscheidend sei, sich dem Thema Schritt für Schritt zu nähern und nicht zu viel auf einmal einzufordern. „In meinen Seminaren beschränke ich die Pflanzenauswahl bei Erwachsenen bewusst auf fünf bis sieben verschiedene Arten; bei Kindern auf drei bis fünf.“ Weniger ist eben mehr. 

„Zudem bietet es sich an, Führungen zu unterschiedlichen Jahreszeiten zu besuchen. Man mag eine blühende Pflanze erkennen, aber wie sieht es im Herbst aus?“ Und sie empfiehlt, auch die Orte zu variieren: „Was gibt es im eigenen Garten, was auf der Wiese, was im Wald?“ Und vor allem: Wo kann ich eigentlich sammeln? Pflanzen an viel befahrenen Straßen etwa sind tabu; ebenso landwirtschaftlich genutzte Flächen, auf denen meist mit Insektiziden oder Dünger gearbeitet wird. „Und auch bei Industriebrachen wäre ich vorsichtig.“

Sagt auch Diplom-Biologe Andreas Sarazin, der im Auftrag des RVR unter anderem Kräuterführungen auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen anbietet. „Man muss die Geschichte des Bodens kennen, auf dem man sammelt. Und auf Industriebrachen kann man nun einmal nicht ohne weiteres von unbelasteten Böden ausgehen.“ Der Vorteil ist hier ganz klar ein anderer: große Pflanzenvielfalt auf überschaubaren Raum. Das Revier, wie es grünt und blüht, ganz zu Recht „zusammengefasst“ in der „Route der Industrienatur“, auf der Zollverein eine entscheidende Landmarke ist. 

Und mehr noch: Hier kommt die ganze (Pflanzen-)Welt zusammen. Sarazin zeigt auf einen schmalen Grünstreifen: „Hier haben wir das norwegische Fingerkraut, den Schmetterlingsflieder aus China, das schmalblättrige Greiskraut aus Südafrika und japanischen Staudenknöterich, den man auf dem Markt manchmal als Rheinrhabarber bekommt.“ Zeugen einer bewegten Zechen- und Kokereivergangenheit, die Samen aus aller Herren Länder hat aufgehen lassen.

Eine Beere fürs Welterbe

Gut zwei Stunden dauert die Führung, und Sarazin pflückt in dieser Zeit unter anderem die kleinen gelben Pinselblumen eines Johanniskrauts, die Wilde Möhre, Goldruten, Birkenblätter, Kompasslattich, Eicheln, Brennnesseln, Schafgarbe und Wiesenknöpfe. Rund 460 verschiedene Pflanzenarten sind auf Zollverein zu finden, „200 davon stammen nicht aus Mitteleuropa“. Nicht alle, aber viele sind genießbar. Sarazin empfiehlt insbesondere die Blüten der Nachtkerze, Oenothera biennis, die kandiert als echte Delikatesse daherkommen, und den Holunder, der sich auf vielfache Weise nutzen lässt. Zwar gilt auch hier die Regel, dass unreife Früchte oder reife Beeren in großen Mengen Übelkeit hervorrufen können. „Doch in Kombination mit Salzwasser, Essig und Gewürzen ergeben die noch grünen Beeren einen wunderbaren Kapernersatz.“ Wie gesagt: Die Dosis macht das „Gift“.

Ganz und gar nicht giftig, aber für viele Menschen untrennbar mit dem Begriff „Fuchsbandwurm“ verbunden: die Brombeere, die auf Zollverein nicht nur massenhaft zu finden, sondern teilweise sogar einzigartig ist. Allerdings macht Rubus zollvereinnensis für eine Welterbe-Beere tatsächlich einen doch eher mickrigen Eindruck. „Fehlgeschlagene Früchte sind leider typisch für so genannte Bastarde“, sagt Dr. Götz Heinrich Loos vom Geographischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Die nur auf Zollverein und der direkten Umgebung vorkommende Kreuzung aus Kratz- und Brombeere, generell Haselblattbrombeere genannt, sei zudem ziemlich sauer, generell hinsichtlich der Ausbeute „eher enttäuschend“, aber letztlich ein echtes Kind des Reviers: „Industriebrachen sind Standorte, die es so in der Natur eigentlich nicht gibt. Hier existieren viele verschiedene Pflanzen recht ungestört nah beieinander, was zu Kreuzungen führt, die sich anderswo kaum durchsetzen würden.“ 

Lieblings-Pflück-Pflanze des Ruhris ist und bleibt, laut Loss‘, jedoch die Brombeere, „allerdings die armenische Variante“. Die als Neophyt, also Zuwanderer, geltende Rubus armeniacus überzeugt durch große, gut entwickelte und leckere Früchte. Und um auf den Fuchsbandwurm zurückzukommen: „Wer frisch aus der Hecke naschen will, muss das mit sich selbst ausmachen. Gut gewaschen oder gekocht kriegt man dieses, meines Erachtens in der Öffentlichkeit etwas zu hoch gefahrene, Problem ebenso wie Staub oder Insekten jedoch in den Griff“, resümiert Kräuterpädagogin De Marco. Und wer ganz sicher gehen will, hält sich an die alte Weisheit: Nicht tiefer als kniehoch pflücken. 

Fazit: Die meisten von uns haben den Sammler in sich schon lange nicht mehr hervorgeholt, ein wenig Nachhilfe kann Homo sapiens also nicht schaden, um  - wieder - auf den wilden Geschmack zu kommen.

Sammel-Regeln:

Was?

  • Ausschließlich Wildkräuter und Beeren, die eindeutig bestimmt werden können. Hilfreiches Handgepäck: ein Kräuter- und Pflanzenführer, in dem Blätter, Blüten und Früchte eingehend beschrieben werden. Geschützte und seltene Pflanzen sind tabu.  

Wo?

  • Geeignete Sammelgebiete sind Wiesen- und Waldränder, Bachufer, trockene Hänge, Brachflächen und natürlich der eigene Garten. Nicht gesammelt werden sollte auf intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen oder unmittelbar an Straßen; auch Industriebrachen eignen sich aufgrund einer etwaigen Belastung mit Schwermetallen nur bedingt – hier sollte man nachfragen, ob und wann der Boden aufbereitet wurde. Verboten ist das Sammeln in Naturschutzgebieten oder mitten in einer Nutzwiese. Der RVR gestattet in seinen Wäldern/Schutzgebieten  das Sammeln von Kräutern und Beeren „links und rechts des Weges“. Das Sammeln auf Privatbesitz ist grundsätzlich verboten.

Wie?

  • Grundsätzlich sollte nur so viel geschnitten und geerntet werden, wie man selbst benötigt; insbesondere Beeren und Früchte sind eine wichtige Nahrungsquelle für die Tier- und Vogelwelt. Niemals alle Blätter und Blüten einer einzelnen Pflanze abschneiden. Knospen, Blüten und Stängel werden grundsätzlich geschnitten, nicht abgerissen, und das niemals weiter als benötigt. Von Schadinsekten zerfressene, löchrige Pflanzen aussparen. Die Wurzeln wildlebender Pflanzen werden nicht ausgegraben; wer diese ernten will, sollte das entsprechende Wildkraut im Garten ansiedeln. 

Wann?

  • Wildkräuter können vom Frühjahr bis zum ersten Frost gesammelt werden; manche Arten unter Umständen sogar ganzjährig. Um in Sachen Aroma, Inhaltsstoffe und Haltbarkeit ein optimales Ergebnis zu erzielen, sollte man nicht bei Regen und in der prallen Mittagssonne sammeln; morgendlicher Tau muss zunächst abtrocknen. 

Und dann?

  • Als beste Transportmittel haben sich Körbe oder Stofftaschen erwiesen; in Plastiktüten beginnen die Kräuter schnell zu „schwitzen“ und verderben. Generell sollte das Sammelgut möglichst schnell verarbeitet, zuvor jedoch gründlich gewaschen werden. Im Kühlschrank lassen sich Wildkräuter ein bis zwei Tage aufbewahren, sollten dann jedoch erst unmittelbar vor Verwendung gewaschen werden. Wer Vorräte anlegen will, muss Kräuter und Beeren trocknen, einfrieren oder einlegen. Pflanzen, deren Geschmack auf ätherischen Ölen basiert, lassen sich nicht bevorraten.