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Sterne plus Charakter - Hotel Franz

Im Essener Stadt- und Tagungshotel Franz mit angeschlossenem Veranstaltungszentrum finden Gäste mit und ohne Behinderungen komfortable Zimmer und einen sehr persönlichen Service.

Auf dem dunklen Holzboden zieht sich eine doppelte, weiße Linie im Zickzackkurs von der gläsernen Eingangstür bis zur Rezeption, die mit dunkelroten Elementen ebenso schlicht wie modern gestaltet ist. Das sieht schick aus, aber nicht nur das: Gäste mit Sehbehinderung finden entlang der Linie ihren Weg zum Empfang. Diesen Spagat zwischen Design und Funktion zu schaffen, ist allen ein wichtiges Anliegen im „Hotel Franz“. 

Im Mai 2012 wurde es an der Steeler Straße in Essen eröffnet – gleich neben dem Franz Sales Haus, in dem Menschen mit geistigen, psychischen und mehrfachen Behinderungen wohnen und arbeiten. Und so ist es kein Zufall, dass das Hotel barrierefrei ist und allen Menschen, wie sehr sie auch in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sind, ganz individuell den Komfort bietet, den sie brauchen. 

Etwa 95 Prozent der Gäste haben gar kein Handicap – viele nehmen an Tagungen und Konferenzen teil, für die das Hotel Franz insgesamt zehn modern ausgestattete Säle und Seminarräume in einem eigenen Trakt besitzt. Die Bezeichnungen für jeden dieser Räume sind jeweils neben dem Türrahmen vermerkt – sowohl in Buchstaben- als auch in Braille-Schrift. Sie heißen „Gruga“ oder „Folkwang“, aber auch „Bredeney“ oder „Margarethenhöhe“. Teilweise haben Essener Einrichtungen Patenschaften für die Konferenz- und Tagungsräume übernommen, entsprechende großformatige Fotografien an den Wänden illustrieren die Verbindung.

Neu sind die vier kleinen Sterne in rot, gelb, grün und blau über dem Schriftzug „Franz“, der jedes Türschild und jede Broschüre des Hotels ziert: „Vier Sterne plus Charakter“. Charakter steckt durch aus im Konzept des Hotels, doch vier Sterne – eine derart hohe Auszeichnung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes war ursprünglich gar nicht  geplant. „Die Idee, ein Hotel zu eröffnen, entstand aus dem eigenen Bedarf heraus“, erzählt Valeska Ehlert vom „Franz Sales Haus“. Immer wieder habe es bei Fortbildungen und größeren Veranstaltungen die Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit gegeben. Warum also nicht eine Jugendherberge oder besser noch ein eigenes Hotel bauen, dachte sich das Team des „Franz Sales Hauses“ – und trieb das Projekt voran.

Im Jahr 2008 las Karin Poppinga in Bad Nauheim eine Stellenanzeige: „In Essen wurde eine Hoteldirektorin gesucht“, erinnert sich die heute 49-Jährige, die in Hessen bereits Hotels geleitet hatte. Als sie jedoch nach Essen kam, staunte sie nicht schlecht: „Das Hotel gab es noch gar nicht. Ich sollte zunächst eine Machbarkeitsstudie schreiben für ein barrierefreies Hotel.“ Gesagt, getan.

Poppingas Studie führte zur Erkenntnis, dass es in Essen zum damaligen Zeitpunkt nicht viele Hotels im Drei-Sterne-Bereich gab, und so war die Entscheidung schnell gefallen: Kein einfaches Gästehaus, sondern ein richtiges Hotel sollte her. Nach einem Architektenwettbewerb erhielt das Essener Büro Nattler den Zuschlag für die Planung eines modernen, behindertengerechten Gebäudes, das aus einem Hotel und einem Trakt mit Veranstaltungsräumen bestehen sollte – Räume, die das „Franz Sales Haus“ auch selbst nutzen wollte.

„Da es für mich als Direktorin anfangs noch nichts zu tun gab, habe ich freiberuflich an dem Projekt mitgearbeitet“, erzählt Karin Poppinga. Für sie sei das eine neue Herausforderung gewesen, denn „barrierefrei“ bedeute eben nicht einfach nur „rollstuhlgerecht“. Das wusste auch die Innenarchitektin Katja Schramm aus Essen-Werden, als sie mit ihrer Expertise in die Detailplanung einstieg.

Ein Mensch etwa, der im Rollstuhl sitzt, braucht mehr als einen glatten, ebenen, schwellenlosen Boden und einen Aufzug, der ihn in den ersten Stock bringt. Wenn er durch eine der automatisch öffnenden Türen ins Foyer kommt und an der Rezeption einchecken möchte, führt eine zu hohe Theke schnell zu Problemen: Er muss nach oben schauen, der Empfangsmitarbeiter auf ihn herab. Selbstverständliche Vorgänge wie Bezahlen oder Unterschreiben sind so kaum möglich.

Im „Hotel Franz“ ist die Theke auf der linken Seite abgesenkt, und die Platte ragt ein Stück über den Tisch hinaus, damit jeder Rollstuhlfahrer bequem heranrollen und sein Zimmer buchen kann. „So wird jeder Gast auf Augenhöhe empfangen“, sagt Valeska Ehlert. Was für den Gast gut ist, hat auch Vorteile für die Angestellten: Auf der anderen Seite der Theke kann ein Mensch im Rollstuhl arbeiten – an hohen Theken wäre dies nicht so einfach möglich.

Damit auch sehbehinderte Gäste den Weg finden, führen weiße Leitlinien zum Empfangstisch. Eine eingebaute Induktionsschleife ermöglicht zudem auch hörgeschädigten Menschen, den Mitarbeiter am Empfang besser zu verstehen. 

Wer auf derartige Hilfen nicht angewiesen ist, wird kaum merken, dass es sie hier gibt – das „Hotel Franz“ ist meilenweit entfernt davon, an ein Pflegeheim zu erinnern: Tagungsgäste fühlen sich hier ebenso wohl wie Familien mit Kindern, die mit großen Koffern oder Kinderwagen von der Barrierefreiheit profitieren. Dass die schlichten, quadratischen Holztische im lichtdurchfluteten Frühstücksbereich genau die richtige Höhe haben, um mit einem Rollstuhl daran zu sitzen, wird nur dem Rollstuhlfahrer wirklich auffallen. Die anderen Gäste sitzen auf dunkelblau gepolsterten Stühlen, und der Blick schweift entweder zur bodentiefen Fensterfront mit Gartenpanorama oder zu den auf grün-blau-silbernen Aluplatten gedruckten Fotos von Villa Hügel, Zeche Zollverein, Philharmonie und anderen Sehenswürdigkeiten des Ruhrgebiets.

Ein Aufzug mit niedrig angebrachten Tasten, Stockwerkansage über Lautsprecher und einem bodentiefen Spiegel bringt Gäste in die erste und zweite Etage, wo sich 48 Zimmer mit insgesamt 90 Betten befinden. Die Flure sind ausnahmsweise mit dunkelblauem Teppichboden ausgelegt, auch wenn Rollstuhlfahrer auf diesem Untergrund schlechter vorankommen: Schalldämmung geht hier vor. Mit den dunkelroten Wänden und den hellgrauen Türrahmen wirkt das Design schlicht und edel, ebenso die auf unterschiedliche Bedürfnisse abgestimmten Zimmer.

Dass sich hinter der Tür mit der Nummer 124 ein für Rollstuhlfahrer und Hörgeschädigte geeigneter Raum befindet, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf: an einer roten Wand ein weiß bezogenes Doppelbett, die lange Holzkommode gegenüber ist niedrig und offen, Jacken und Kleider finden nicht in einem geschlossenen Schrank, sondern an Teleskopstangen mit Bügeln Platz. Einzig eine runde Wandlampe ist so in kaum einem anderen Hotel zu finden: Sie gibt ein Blinksignal, wenn etwa das Zimmermädchen an der Tür klopft – Service für Hörgeschädigte.

Hinter einer Schiebetür befindet sich das geräumige Badezimmer, in dem ein Rollstuhl locker rangieren kann. Die Dusche verfügt über einen ein Sitz herunterklappen, die Toilette über zusätzliche Griffe an beiden Seiten. Dennoch alles andere als Seniorenheim-Ambiente – pinkfarbene Handtücher verleihen dem Bad moderne Frische, und gerade Familien freuen sich über den zusätzlichen Platz.

„Bei der Buchung können wir auf die individuellen Bedürfnisse unserer Gäste eingehen“, erklärt Poppinga. Ob Bett mit Überlänge oder elektrisch verstellbarer Lattenrost – kein Problem. Einzelzimmer mit Verbindungstür sind ebenso vorhanden wie Räume mit niedriger Badewanne statt einer Dusche. Manche Zimmer sind für Rollstuhlfahrer geeignet, andere kommen den Bedürfnissen von sehbehinderten Menschen entgegen, und für den Fall, dass jemand Hilfe benötigt, ist die Rezeption 24 Stunden am Tag besetzt. 

„Barrierefrei ist ein großes Wort, aber im Grunde geht es immer darum, was das für den einzelnen Menschen bedeutet“, sagt Valeska Ehlert. So habe es bereits einige Gäste mit Behinderung gegeben, die ihr Zimmer im „Hotel Franz“ komfortabler fanden als die eigene Wohnung. „Ob man es nun barrierefrei nennt oder nicht – unsere Gäste freuen sich einfach über den Komfort“, sagt die Direktorin. Zu den regelmäßigen Gästen zählen deshalb auch Fahrradtouristen. Denn das Quartier ist nicht nur wenige Bahnminuten von der Innenstadt und fußläufig zu den Geschäften und Restaurants der Steeler Straße entfernt, sondern liegt auch noch direkt an der Naturroute, die sich mit dem Ruhrtalradweg kreuzt. Unter dem Motto „Bed & Bike“ bietet das „Hotel Franz“ daher auch einen geräumigen Fahrradkeller an, in dem selbst sperrige Handbikes Platz finden.

Darüber hinaus belegen Tagungs- und Fortbildungsteilnehmer häufig einen Großteil der Zimmer. Der Veranstaltungssaal „Margarethenhöhe“ ist für bis zu 280 Personen ausgelegt und verfügt über bodentiefe Fensterfronten, eine moderne Licht- und Tonanlage und ist voll klimatisiert. Eine Induktionsschleife im Boden ermöglicht auch Hörgeschädigten die Teilnahme an Tagungen und Konferenzen. Die Bühne lässt sich in den Boden versenken, Tischreihen können flexibel gestellt werden.

Sieben weitere Räume in verschiedenen Größen bietet das „Hotel Franz“ für Seminare, aber auch private Feiern wie Geburtstage, Jubiläen und Hochzeiten an. Die Räume „Zeche“ und „Zollverein“ lassen sich zu einem größeren miteinander verbinden und verfügen nicht nur über Leinwand und Projektor, sondern auch über Zugänge zur Terrasse im Innenhof, die auch Hotelgäste nutzen können. In der ersten Etage befinden sich die Schulungsräume „Bredeney“, „Aalto“ und „Lichtburg“ sowie eine große Dachterrasse, die noch begrünt werden soll.

Eine EU-zertifizierte Großküche, die das Essen für die Wohngruppen des „Franz Sales Hauses“ zubereitet und demnächst auch Werkstätten außerhalb des Hauses beliefern soll, sorgt bei allen Veranstaltungen für das entsprechende Catering, eine kleinere Küche versorgt die Hotelbewohner bei Bedarf mit Frühstück und Snacks. 

Insgesamt 46 Menschen arbeiten in Küche und Service sowie an der Rezeption und in  anderen Bereichen des Hotelbetriebs – rund die Hälfte von ihnen hat eine körperliche oder geistige Behinderung. „Wir stellen Menschen ein, die auf dem Arbeitsmarkt sonst kaum Chancen hätten“, so Karin Poppinga. Das habe sich bereits herumgesprochen: „Aus ganz Nordrhein-Westfalen kommen Bewerbungen, und auch viele Schülerpraktikanten fragen bei uns an“, erzählt die Direktorin. Ihre Aufgabe sei es dann, zu schauen, wo sie die einzelnen Menschen einsetzen könne: „Eine Mitarbeiterin mit Hörbehinderung ist im Servicebereich vielleicht nicht gut aufgehoben, aber als Zimmermädchen sehr gut geeignet.“

Ein Konzept, das aufgeht und das von Anfang an. Als für das neue Hotels gerade der Name „Franz“ gefunden und das Motto „Drei Sterne plus Charakter“ als Logo auf alle Schilder und Flyer gedruckt worden war, kam die große Überraschung: Statt der angestrebten drei bekam das Hotel Franz vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband vier Sterne zugesprochen. Der Charakter aber bleibt.

 

INFO

Hotel Franz
Steeler Straße 261
45138 Essen
Tel. 0201/50 707-301
www.hotel-franz.de