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In Taubenvattas Taubenschlach – Besuch bei Hans und Josef

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„Rennpferd des kleinen Mannes“ sagen die einen, „Ratten der Lüfte“ die anderen. Die Meinungen über Tauben sind höchst unterschiedlich. Warum dabei ausgerechnet Säugetiere zur näheren Bezeichnung eines Vogels herhalten müssen, sei mal dahingestellt. Fest steht: Liebhaber haben meist schnell ihren Schlag weg. Und der ist gerade im Ruhrgebiet nicht nur Heimstatt für Brieftauben, sondern auch ein guter Schutz bei Sturm.

Hans-Peter Hülshorst und Josef Münch werfen einen kritischen Blick auf die auffälligen Holzhäuser, die neben der Taubenklinik auf dem Gelände des ZukunftsZentrumsZollverein (Triple Z) in Katernberg stehen – alles in Ordnung, keine Schäden. Fünf Stunden täglich verbringen die beiden Rentner hier und kümmern sich um die Brieftauben, die dem „Prof. Dr. Kohaus-Förderverein“ gehören. Schlag säubern, Trinkgefäße reinigen und auffüllen, Futter verteilen und vielleicht ein Freiflug über das Gelände. Dann geht es zurück nach Hause, wo die eigenen Tiere ebenfalls versorgt werden wollen. Taubensport, so viel ist sicher, nimmt viel Zeit in Anspruch. Und wer einmal damit begonnen hat, so scheint es, der hört auch so schnell nicht wieder auf.

Rückblick: Es war kurz nach dem Krieg, wie sollte es anders sein, als für Josef Münch alles begann. Mit einer Taube und einem Hühnerstall. 1951, so erinnert er sich, da malochten sein Vater und sein Opa auf Zollverein Schacht 4, also auf eben jenem Gelände, auf dem sich heute das Triple Z und der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter mitsamt hauseigener Taubenklinik befinden. „Einer ihrer Kumpel hatte Ziertauben – das gefiel mir.“ Den Eltern weniger. Tauben waren und sind ein kostspieliges Hobby, und zu jener Zeit nagte man im Ruhrgebiet am Hungertuch. Und doch setzte sich der damals 16-Jährige durch. „Eilbote Stoppenberg“ hieß der erste Verein, die erste Reisevereinigung, der er sich anschloss. Schnell wuchs die Zahl seiner Tauben auf etwa 25, heute besitzt der 79-Jährige zwischen 80 und 100.

Nach der Schicht in den Schlag, am Donnerstag oder Freitag zum Einsetzen und dann am Wochenende ungeduldig auf die Heimkehr der flinken Flieger warten – so war es über Jahrzehnte Routine für die Taubenväter in der Zechensiedlung. Essen und Gelsenkirchen galten als Hochburgen der Taubenzucht. Im Garten, im Hinterhof, auf dem Dach: Zu Spitzenzeiten gab es im Ruhrgebiet über 300 Schläge. Eine Zahl, die heute deutlich abgenommen hat. „Ja, mit dem Nachwuchs haben wir Probleme“, geben die beiden Taubenväter zu. „Es gibt ja so vieles, was Jugendliche heutzutage machen können. Da entscheiden sie sich nicht unbedingt für den Taubensport.“

Zumal der nach wie vor nicht gerade billig ist. „Man braucht ein Grundstück und natürlich einen Taubenschlag“, erklärt Hülshorst. Letzterer könne je nach Ausführung in der Anschaffung bei 10.000 Euro liegen. Und dann braucht man natürlich Tauben. „Und wenn du Pech hast, dann kommt unterwegs ein Raubvogel und holt die beste weg.“

Auch Hans-Peter Hülshorst infizierte sich schon als Jugendlicher mit dem „Brieftauben-Virus“. 1949 muss es gewesen sein, als er einem Nachbarn regelmäßig bei der Arbeit im Schlag zusah. Von ihm erhielt er seine erste Taube. „Mein Vater hatte einen Garten mit Hühnerstall und Kaninchenkäfig, und ich habe ihn gefragt, ob ich eine kleine Ecke von der Laube für meine Taube nutzen könnte.“ Doch bei einem Vogel blieb es nicht lange. „Meine Ecke wurde immer größer, und irgendwann hatte ich den Vater komplett vertrieben.“

Die ersten Trainingsversuche führten nach Sprockhövel. „Mit dem Fahrrad bin ich regelmäßig von Essen aus dahin gefahren“, erinnert sich Hülshorst. „Dort wurden die Tauben vortrainiert. Manche kamen sogar zurück.“ Waren die kleinen Sportler einigermaßen in Form und fanden den Weg zurück nach Essen, ging es auch schon auf die ersten Wettkämpfe. Allein der Transport stellte sich schwierig dar. „Ich hatte eine kleine Karre für meine paar Tauben, die habe ich von Steele aus zum Bahnhof geschoben“, sagt Hülshorst. Per Güterzug ging es dann zu dem jeweiligen Ort, an dem die Tauben eingesetzt wurden. 

Heute ist das natürlich einfacher – dank großer Taubenwagen und spezieller Transportboxen. Skagen in Norwegen beispielsweise ist einer jener legendären Auflassorte, der Experten anerkennende Blicke ins Gesicht zaubert. Auch Hülshorst und Münch haben schon von dort Tauben starten lassen. Doch die „Reisevereinigung Wiederkehr Kray“, zu der die beiden Essener Taubenväter heute gehören, orientiert sich mittlerweile anders. „Bei uns kommen die Tauben immer aus Südost-Richtung“, erklärt Hülshorst, „also aus der Richtung Passau oder Wien“. 

Wenn die Alttauben alljährlich im April  in die Saison starten, fangen sie mit Flügen über eine Entfernung von 120 Kilometer an. Zum Ende der Saison, beim so genannten Endflug, der im österreichischen Wels startet, legen sie dann etwa 630 Kilometer am Stück zurück. Im vergangenen Jahr belegte eine von Hülshorsts Tauben hier den 36. Platz – unter 19.000 Tauben ein beachtlicher Erfolg. „So eine kleine Taube von 500 Gramm – dass die überhaupt so weit fliegt, das ist doch mal eine Leistung“, resümiert der stolze Taubenvater. „Und nach wie vor streiten sich die Gelehrten, woran es wohl liegt, dass die Tauben immer wieder den Weg nach Hause finden.“

Nahm man vor Jahrzehnten selbst auf die Wetterlage nur wenig Rücksicht, so ist heute im Taubensport High Tech angesagt. „Mittlerweile kann man sich doch über Internet oder Funk jederzeit über das Wetter in ganz Europa informieren“, erklärt Münch. Auch die Zeitnahme hat sich deutlich verändert: Einst erhielten die Tauben Gummiringe mit einer Geheimnummer, die am Ziel in eine Uhr eingedreht werden musste. Heute wird die Zeit beim Einflug in den Schlag elektronisch erfasst: Antennen lesen den Chip im Ring des Vogels aus – fertig. Wirklich fertig? „Manchmal steht man hier am Schlag, sieht die Taube kommen und denkt: Was fliegt die dahinten noch rum? Hier ist doch das Ziel. Die müssen schon exakt über die Linie fliegen, damit die Zeit genommen wird.“

Mit dem Taubenflug Geld verdienen allerdings – das ist in der heutigen Zeit eher selten. Preisgelder gibt es beinahe nur noch für die langen Endflüge, bei allen anderen geht es um die Ehre – und natürlich um Pokale. „Ich habe etwa 50 Pokale zu Hause im Schrank“, sagt Münch stolz. „Einige habe ich auch schon weg gegeben. Immer dann, wenn’s einfach zu voll wird.