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Unperfekthaus: Hier spielt man beides - Low Budget und Business

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Perfekt sind viele Hotels, einzigartig nur wenige, unperfekt vielleicht nur ein einziges. Zumindest im Revier. Seit Frühjahr 2014 hat das Unperfekthotel in Essen geöffnet. Ein Blick hinter die Kulissen. Oder: Über den Sinn und Unsinn einer kleinen Vorsilbe.

Es wirkt vielleicht ein wenig „eingequetscht“ wie es da so liegt, zwischen der Essener Innenstadt und dem bulligen Einkaufszentrum Limbecker Platz, das weiche Formen zwar andeutet, aber nur bedingt den eigentlich gewollten Eindruck eines „schwingenden Kleides der Monroe“ erweckt. Allerdings:  Zentraler geht nicht. Und ein ungewöhnlicher Ort wie das Unperfekthaus will nun einmal entdeckt werden.

Ganz richtig: Haus, nicht Hotel. Noch nicht. Denn um das Konzept des Unperfekthotels zu verstehen, muss man am Anfang beginnen. Und mit Reinhard Wiesemann. Ein Mann, für den man früher vielleicht das Wort Mäzen gefunden hätte, dessen Hauptanliegen in den vergangenen Jahren jedoch schlicht darin bestand, mit großem Ideenreichtum und einem ebenso großen Herzen fürs Viertel in der lange Zeit vergessenen Nordstadt so einiges auf die Beine zu stellen. Das GenerationenKulthaus etwa, ein Mehrgenerationenhaus, in dem gelebt und gearbeitet wird, Café und Trödelladen inklusive. 

Oder eben das Unperfekthaus, kurz: UpH, an der Friedrich-Ebert-Straße. Ein Hort für Kreative, Existenzgründer und jene, die beides vereinen, zugleich aber auch ein Restaurant, eine Eventlocation und ein WG-Hotel im Low-Budget-Bereich. Ein Haus, das niemals schweigt, in dem die Musik und das Leben niemals still stehen. Und jetzt also neu – und gleich nebenan: das Unperfekthotel. Ruhig und von gehobenem Standard soll es vor allem Geschäftsleute ansprechen. Business eben. Allerdings keinesfalls as usual.

Ungewöhnlich

Kreative hier; Geschäftswelt da. Was beim ersten Hinhören nach spinnefeind klingt, ist genau so gewollt, soll Synergien fördern und lebt offenbar recht gut neben- und miteinander. Das konkrete Ziel: eine Win-Win-Situation für alle. Künstler und Kreative finden Kontakt zu möglichen Kunden. Geschäftsleute Eingang zur Essener Szene und Zugang zu frischen Ideen und unverbrauchtem Nachwuchs aus vielerlei Bereichen. Gut gebucht zumindest sind beide Häuser; dabei befindet sich das Unperfekthotel derzeit noch in der Probephase.

Wohin man letztlich auch will: Eingecheckt wird zentral an der Theke des UpH, gleich rechts vom großen Buffet. Hier gibt es Kuchen (zu kaufen),  fehlende USB-Adapter fürs Laptop (zu leihen) und die alles entscheidende Verzehrkarte, nach der stundenweise oder als Tageskarte abgerechnet wird – und die unter anderem den Zugang zum WLAN-Netz des Hauses und zu diversen kostenlosen Getränkestationen ermöglicht. Bodenlos Kaffee hat im UpH Prinzip. Wahlweise können es aber auch knapp 30 verschiedene, alkoholfreie Kaltgetränke sein. Betriebsleiter Boris Buchwald: „Wer das Tagesticket für 10,50 Euro löst, kann das Unperfekthaus als Basis für einen Tag in der City nutzen und jederzeit rein- und rausgehen.“ Alle anderen bleiben entweder im Gastronomiebereich, nutzen außergewöhnliche Seminarräume wie die YouTube-Lounge und die öffentliche Linux-Computerecke oder streifen durchs Haus und über insgesamt sechs verschiedene Künstlerflure mit zahlreichen offenen Ateliers. 

Ach, das Haus. Tatsächlich entpuppt sich das ehemalige Franziskanerkloster, dessen verschachtelte Bauweise aus den 60ern auf wahres Gottvertrauen schließen lässt, als echter Alptraum für Orientierungslose – und als 4000 Quadratmeter großes, ganz und gar perfektes Paradies für Entdecker. Bunt, vielfältig und immer wieder anders. Man muss nur um die nächste Ecke biegen. Wurden gerade noch alte Disketten zu neuen Kunstwerken verarbeitet, streift man plötzlich das Atelier des Ruhrstadtmalers Ariyadasa Kandege oder platzt in der einstigen Krypta in eine Theaterprobe. Stören tut’s keinen. Dieses Haus ist ein offenes. Hier darf sich jeder frei bewegen. 

Ein Prinzip, das zuletzt im WG-Hotel für Gruppen gipfelt: 14 Schlafplätze, Gemeinschafts-Kühlschrank und –Küche, schwedische Möbelhaus-Möbel. Die Bäder, eines pro Zimmer, sind zwar nicht en suite, haben aber auch nicht gerade Campingplatz-Standard, und die kleine Sauna holt so einiges wieder raus. „Hier schläft man für unter 50 Euro die Nacht“, resümiert Buchwald. Und offenbar schläft man gut; denn das WG-Hotel ist stets zu 60 bis 70 Prozent ausgebucht. Immerhin trennt es nur eine Treppe von der gefragtesten Eventlocation des Unperfekthauses: dem Wintergarten mit Dachterrasse. 

Unerwartet

Und nicht mehr als ein Treppenhaus trennt das Haus vom Unperfekthotel. Doch auf dem Weg nach unten scheint uns das UpH noch einmal alles Leben, alle Farbe, alle Kunst seiner Welt mitgeben zu wollen: Der Airbrush-Künstler Matthias Scheidig hat die Wände gestaltet, und sein Werk „Unter Tage“ greift zwar die Bergbauvergangenheit des Reviers auf, doch so knallbunt wie hier dürfte kein Kumpel den Pütt in Erinnerung haben.

Der Schnitt kommt ohne Vorwarnung, direkt hinter einer schlichten Tür: Während die Ohren plötzlich die Musik vermissen, stürzen die Augen in endloses Weiß. Hier prallen zwei Welten aufeinander. Knallhart. „Das soll nicht so bleiben“, beruhigt Buchwald. „Da soll noch Kunst an die Wand und ein bisschen farbenfroher wird es sicherlich noch werden. Doch das Unperfekthaus ist nebenan. Hier ist Business.“

Er spricht deutlich leiser als noch wenige Minuten zuvor, immerhin sind einige der insgesamt fünf Seminarräume des neuen Hotels besetzt. Hier wird gearbeitet. Und in der Ruhe liegt der Unterschied: „Im Unperfekthaus kann es auch schon mal sein, dass in der Krypta ein Gitarrenduo probt; das muss auch, das Haus soll leben. Und wer dort einen Raum bucht, weiß das Konzept zu schätzen. Hier ist das was anderes.“

Wie anders, zeigt ein Blick in die Zimmer: philippinische Schilfgras-Tapeten, Vogelaugen-Ahorn-Möbel, südafrikanische Teppiche, ebenerdige Echt-Schiefer-Bäder, Regenduschen und – der schiere Wahnsinn – „Toto Dusch-WCs“ mit beheiztem Sitz und Warmwasser für Siewissenschon. WLAN ist selbstverständlich und es bedarf nicht einmal eines eigenen Rechners, um Emails abzurufen: „Das TV-System verfügt über einen eigenen Browser, über den Monitor kann man also jederzeit im Internet surfen.“ Unperfekt ist hier rein gar nichts. Im Gegenteil.

Monitore und Schreibtische wachsen je nach Kategorie mit – bis hin zur 55 Zoll-Version und zum Konferenztisch in der Business-Suite. Acht davon hat das Haus, dazu je vier Einzel- und Doppelzimmer. Minibar bzw. Pauschalen für die auch hier gut platzierten offenen Getränkestationen lassen sich dazu buchen; in den Suiten garantiert eine eigene Kaffeebar, dass auch hier das „Bodenlos“-Prinzip aufgeht. Mit „unter 50 Euro“ allerdings ist Schluss: Das Einzelzimmer liegt bei 79, das Doppelzimmer bei 109, die Business-Suite ist für 159 Euro die Nacht zu haben. Diese Kategorie, das ist sicher, ist eine gänzlich andere als nebenan.

„Wir wollen, dass sich unsere Gäste hier wohlfühlen und dass sie Arbeit und Aufenthalt so kompromisslos wie möglich miteinander verbinden können“, sagt Buchwald. Eine Hausdame, eine Reinigungskraft sowie das Empfangspersonal des Unperfekthauses stehen für diesen Anspruch gerade. Das I-Tüpfelchen: die Dachterrasse mit Blick über die City.

Unterschätzt

Und Blick auf das, was sich im Viertel derzeit tut. Denn eines der wichtigsten Anliegen der Wiesemann’schen Häuser besteht darin, mit Vorurteilen über die Nordstadt aufzuräumen: „Es mag immer noch Menschen geben, die den Norden der Innenstadt für unattraktiv halten. Wenn ich mich hier umschaue, dann sehe ich stetigen Wandel, sehe ich enorm viel Bewegung. Hier entsteht Essens neue grüne Mitte, entstehen neue Wohnviertel, siedeln sich große Firmen an, die keine Angst vor der Nordstadt haben. Hier, in der City allgemein, passiert ungemein viel.“

Noch mehr Lust machen auf Essen, auf die Museen, Theater, Institutionen und Firmen der Stadt, auf all das, was oft nur ein paar Straßen weiter passiert, sollen künftig Memorabilien und Leihgaben in den Zimmern des Unperfekthotels. Filmplakate etwa oder Requisiten. Der bunteste, lebendigste Beweis jedoch für eine pulsierende Nordstadt findet sich gleich nebenan. Nur eine schlichte Tür weiter. Eine perfekte Kombination. Ganz ohne „un-“.

 

INFO

Unperfekthaus / Unperfekthotel
Friedrich-Ebert-Straße 8
45127 Essen
Telefon 0201 / 84 73 50
www.unperfekthaus.de
www.unperfekthotel.de