Nadine Melsa -
Gegensätze faszinieren mich

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  • Kompressorenhalle Kokerei Hansa in Dortmund

    Foto: Nadine Melsa

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, mit rauchenden Schloten, Lärm und Gerüchen, die nicht immer angenehm waren. Der Strukturwandel, der von außen immer beifällig bis skeptisch betrachtet wird, hat mich all die Jahre ebenfalls begleitet, allerdings unauffälliger.

Waren wir früher auf einer Familienfeier und spätabends auf dem Heimweg, dann habe ich immer Ausschau gehalten nach den hohen Schornsteinen mit ihren Lichtringen. Nach den großen Wolken und Feuerscheinen, die immer wieder hervorblitzten. Nach den Menschen, von denen ich wusste, dass sie dort arbeiten, aber nie zu sehen waren. Und nach den gigantischen Anlagen, die immer hintern Mauern und unerreichbar waren. Es wurden immer weniger, je älter ich wurde.

Langsam, teilweise kaum merkbar, veränderte sich die ganze Region. Wenn heutzutage etwas geschweißt oder eine Straße gebaut wird, dann rümpfen immer alle die Nase. Ich schnüffle wehmütig. Weil der Geruch eine Erinnerung wachruft an das, was einmal war.

Glücklicherweise wurde erkannt, wie wichtig diese Industrieanlagen für uns waren und immer noch sind. Es wurde nicht mehr wahllos abgerissen. So dass wir uns heute anschauen können, was denn hinter diesen Mauern überhaupt gemacht wurde. Was die Menschen dort geleistet haben. Und unter welchen Bedingungen sie das oft taten.

Der Wandel unserer ehemaligen Industrieregion zur Metropole Ruhr vollzieht sich langsam aber stetig. Landschaftsparks, renaturierte Flüsse, Wandergebiete, Erneuerbare Energien, Dienstleistungsparks, Mikrotechnologie. All das und noch viel mehr findet man jetzt im Revier.

Und plötzlich wird das Ruhrgebiet als (er)lebenswert empfunden. Das ist es auch - war es auch schon früher, nur anders.

Genau diese scheinbare Gegensätzlichkeit fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Und der Mensch? Was ist aus den hart arbeitenden Ruhrgebietlern geworden? Wir arbeiten immer noch hart. Wie früher auch. Wir haben umgeschult, uns kurz geschüttelt und neu orientiert, und uns neue Arbeitswelten erobert. 

Oder wir erzählen von Maloche und Fußball, von Kohle und Bier, von Tauben, Stahl und Schrebergärten. Und zeigen Besuchern dabei das alte und das neue Ruhrgebiet.

Manche halten uns für ein wenig bekloppt. Aber das stört uns nicht.

 

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